14/06/12

Balance zwischen Chaos und Chaos

Seit 17 Jahren Umschlagplatz für junge Kunst. Ein Rundgang über die Liste 17. The Young Art Fair in Basel.

von Dietrich Roeschmann
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Seit 17 Jahren Umschlagplatz für junge Kunst. Ein Rundgang über die Liste 17. The Young Art Fair in Basel.7448canellkl.jpg

Derzeit gibt es in Basel viel Gelegenheit, die feinen Differenzen zwischen Chaos und Chaos zu studieren. Während sich in der Baugrube an der Messe die Bagger wie in einer Tanzperformance ins Erdreich graben und voll beladene Muldenkipper im Minutentakt das gestresste Kunstvolk über den unwirtlichen Platz vorm Eingang zur Art Basel scheuchen, herrscht auf dem Hof der ehemaligen Warteck-Brauerei ein eher ausgelassenes Durcheinander. Logisch: Die Kunstmesse „Liste“, seit 17 Jahren weltweit einer der wichtigsten Umschlagplätze für junge Kunst, war schon immer lebendiger, familiärer und unprätentiöser als ihre große Schwester in den Messehallen. Die lärmende Großbaustelle dort als Gegenpart bestätigt dieses lässige Image der Liste jetzt noch einmal auf geradezu exemplarische Weise. Entsprechend entspannt lässt sich in diesem Jahr erneut der Rundgang durch die verwinkelten Räume des Warteckareals an.

Gleich im ersten Raum, bei Gregor Staiger (Zürich), hantiert die Amerikanerin Shana Moulton (*1976) in einem wunderbar absurden Video mit einer Packung Heilerde. Das Cover der Schachtel ziert eine abstrakte Zeichnung der Heiltherapeutin und Künstlerin Emma Kunz (1892-1963). Genau das Richtige für müde Füße, könnte man meinen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Stummfilm-Mimik Moultons, der traumartige Plot und die grelle Farbigkeit des gezielt dilettantische bearbeiteten Videomaterials statten diese Hommage an die Schweizer Pionierin des spirituellen Konstruktivismus mit einer hyperaktiven Unruhe aus, die sich wie eine Karikatur der Verzweiflung schlafloser Nächte anfühlt. Nach derlei Humor suchte man bei Kunz bisher vergeblich.
Nicht weniger bizarr nimmt sich nebenan bei Chert (Berlin) die Fotoserie „Church Houses“ von Erik van der Weijde (*1977) aus. In einer atemberaubenden Typologie dekliniert der Holländer hier Kirchenarchitekturen in Brasilien vom Niemeyerschen International Style bis zum vergitterten Reihenhaus mit Kreuz auf dem Jägerzaun durch. Eine schöne Ergänzung zu dieser Feldforschungsarbeit liefert eine Gruppe abstrakte Stahlskulpturen aus Vanessa Safavis (*1980) Serie „Les Figures Autonomes“. Einbeinig und in den Mondrian-Grundfarben lackiert schwanken sie hier leise vor sich hin, als suchten sie die richtige Balance zwischen den Polen Tribalismus und Modernismus. Wie eng die Arbeit der Lausannerin mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit unserem historischen Erbe verknüpft ist, lässt sich seit Kurzem übrigens auch im öffentlichen Raum erkunden. Erst am Wochenende wurde an der Rückwand der Kunsthalle Basel Safavis Arbeit „After The Monument Comes The People“ enthüllt. Sie wird dort für ein Jahr zu sehen sein.
Der Franzose Etienne Chambaud (*1980), der an der letztjährigen Art Unlimited noch mit einem tonnenschweren Mobile aus schwebenden Stahlrohren auf sich aufmerksam machte, ist bei Bugada & Cagnel (Paris) nun mit nicht minder tänzerischen Postkartencollagen zum Wirken der Avantgarde-Tänzerin Irma Duncan vertreten. Sehenswert ist hier auch eine Cut-Out-Arbeit, mit der der 32-Jährige durch wenige Schnitte in die Seiten eines Weltatlas völlig neue, imaginäre Topografien erschließt.

Auch der Mexikaner Pedro Reyes (*1972) widmet sich in seiner Soloschau bei Labor (Mexiko City) dem Prinzip Collage. Dafür hat er Schwarzweiß-Fotografien von antiken Skulpturen aus Europa, Lateinamerika oder Asien auf Baumwolle gedruckt, den Stoff auseinander geschnitten und schließlich neu zusammen genäht. Die Bilder, die auf dieses Weise entstanden sind, zeigen zyklopenhafte Wanderer zwischen den Kulturen, die Reyes wie eine altertumswissenschaftliche Studie über die Globalisierung der Form zu einer wandfüllenden Installation arrangiert hat.

Auch Daniel Gustav Cramer (*1972) präsentiert bei BolteLang (Zürich) einen Grenzgänger. Sein Name: „Bradypus tridactylus“, besser bekannt als das Weißkehl-Faultier, 1766 erstmals beschrieben von Carl von Linné. Das historische Präparat des struppigen Dreikrallers, das Cramer fotografiert hat, wirkt wie eine Vorstudie zu Rodins „Denker“ – oder wie eine Persiflage. Erkennen wir in der Natur letztendlich immer nur uns selbst? Oder hat Documenta-Chefin Christov-Bakargiev vielleicht doch recht mit ihrer von der Technofeministin Donna Haraway geborgten Theorie der „Multispezies-Koevolution“?

Wie von einem anderen Stern nimmt sich daneben die karge „Moon Sculpture“ aus, die die in Berlin lebende Schwedin Nina Canell bei Mother’s Tankstation (Glasgow) installiert hat. Ein altertümliches TV-Gerät, auf dessen Monitor sich in endlosen Loops ein kristallförmiger geometrischer Körper dreht, sendet hier elektroakustische Signale an einen Erdhügel, die am Ende als fernes Knistern aus einem im schwarzen Humus steckenden Trichter schallen. Zufallspoesie aus dem Amateurlabor. So flüchtig, so schön kann die Begegnung von Natur und Technik sein.

Außerdem lohnend sind an der diesjährigen „Liste“ die scharfkantigen Mosaik-Masken aus zersplitterten Keramikvasen von Helen Feifel (*1983), die bei Kadel-Willborn (Karlsruhe) zusammen mit Shannon Bools (*1972) melancholischen Gitterstahlskulpturen aus ihrer Serie über das Frauengefängnis Berlin-Pankow zu sehen sind; die trashigen Bambus-Fotorollo-Objekte von Riccardo Previdi (*1974) bei Sommer & Kohl (Berlin); Sophie Bueno Boutelliers (*1974) poetische Leinwandfaltungen samt bodennaher Installation im Couchtisch-Look bei Freymond- Guth Fine Arts (Zürich); Ernesto Sartoris (*1982) von Sci-Fi-Comics inspirierte Holzarchitekturfragmente bei Marcelle Alix (Paris); das konzeptuelle Doppelporträt einer griechischen Athletenstatue aus dem türkischen Nationalmuseum, die Shahryar Nashat (*1975) bei Rodeo (Istanbul) zeigt, sowie das stimmige Display bei Karma International (Zürich) mit Arbeiten von Tobias Madison (*1985), Pamela Rosenkranz (*1979) und Emmanuel Rossetti (*1987).

Liste 17
Warteck PP, Burgweg 15, Basel.

Öffnungszeiten: Täglich 13.00 bis 21.00 Uhr, Sonntag 13.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 17. Juni 2012.
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