10/06/15

Gebrochene Ordnungen

Das Kunstmuseum Bern macht eine Zeitreise durch die Kunstgeschichte des Kristalls

von Yvonne Ziegler
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Meret Oppenheim, Kristall (verspiegelte Kuben), Modell für Brunnen, 1979, Privatbesitz, © 2015, ProLitteris, Zürich

Das Kunstmuseum Bern macht eine Zeitreise durch die Kunstgeschichte des Kristalls

Kristalle sind Festkörper, die aus regelmäßig angeordneten, physikalisch einheitlichen Strukturen bestehen. Sie wachsen im Raum und sind zumeist lichtdurchlässig. Nicht selten reizen sie das Auge, ziehen den Blick magisch an und möchten besessen werden. Das Kunstmuseum Bern widmet sich mit der Ausstellung „Stein aus Licht“ in groben Facetten Kristallvisionen in der Kunst seit der Romantik. Im ersten Saal wird der Kristall als Objekt greifbar. Neben einem funkelnden Diamantanhänger im Altschliffstil und einem kleinen Bergkris­tallschädel aus Idar-Oberstein ist die Krone der englischen Königin in Filmdokumenten zu sehen. Während die genannten Exponate Themenfelder wie Liebe, Macht, Tod und Okkultismus ansprechen, lenken die Schwarzweißfotografien des Bauhausschülers Alfred Ehrhardt den Blick auf die faszinierenden Formen von Kristallen. Sie zeigen unterschiedliche Arten wie beispielsweise Beryll, Kalkspat oder Kobaltblüte und geben so Einblick in die Individualität und Vielgestaltigkeit des Kristallreichs. Eines Reiches mit Ordnungsstrukturen, die im Übrigen erst seit der Erfindung der Diffraktometrie im Jahre 1912 auf molekularer Ebene entschlüsselt werden können.

Nicht grundlos zeigt der zweite Saal Gemälde von alpinem Eis, Schnee und kris­tallinen Bergformen aus dem 19. Jahrhundert. Geht der Begriff doch auf das griechische Wort krýstallos zurück, das so viel wie Eiseskälte, Frost und Eis bedeutet. Erst durch die Idee der Erhabenheit der Natur wurde das ehemals als dunkel und bedrohlich erlebte Gebirge positiv umgedeutet und zum Tourismusziel, gerade in der Schweiz. Werke von Alexandre Calame, Caspar Wolf oder Carl Gustav Carus geben die Großartigkeit und schillernde Leuchtkraft von Schneelandschaften, das hinter weißen Steilhängen hervorbrechende Licht, den gewachsenen Aufbau opaker Bergkuben oder strahlende Regenbogen in Relation zu kleinen Staffagefiguren wider.

Anfang des 20. Jahrhundert beflügelten Kristalle in Zusammenhang mit neuen technischen Möglichkeiten der Stahlbeton- und Glasverarbeitung die visionären Architekturvorstellungen der „Die Gläserne Kette“.  Neben Entwürfen von Kristallschlössern und prismatischen Innenräumen von Wenzel Hablik, Hans Scharoun und Bruno Taut ist auch ein Modell von Tauts berühmten Glashaus zu sehen, das auf der Kölner Werkbundschau von 1915 gezeigt wurde. Es folgen im vierten Saal unter anderem Gemälde von Georges Braque, Adolf Hölzel, Lyonel Feininger, Franz Marc und Paul Klee, anhand derer die Auseinandersetzung mit der kubistischen sowie prismatischen Aufbrechung von Form und Farbe in der Malerei deutlich wird. Während Hölzel mit glasfensterähnlichen Strukturen den Weg zur Abstraktion bahnt, durchleuchten Feininger und Marc Architektur und Natur mit vergeistigten strahlenförmigen Verbindungen. An Klees Arbeiten wird die Parallelität und Verbindung von kristallinem und pflanzlichem Wachstum anschaulich. Der Kristall war eine für ihn wichtige Denk- und Gestaltungsfigur.

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Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger Tropfbild, 2014, Courtesy the artists, © the artists

Schließlich wirft die Schau einen Blick auf neuere Arbeiten. Hier sind Joseph Beuys‘ Vitrine „Honigpumpe“, Marina Abramovićs „Shoes for Departure“ und Gerda Steiners & Jörg Lenzlingers „Kristallseelen“ zu erwähnen. Wiederum ist der Kristall als Material präsent, bei Beuys als rationaler kühler Gegenpol zum Existentiellen, aber auch als informationsleitender Stoff, bei Abramović als Begleiter spiritueller Reisen und schließlich bei Steiner & Lenzlinger als willkürlich eingefärbter wuchernder Harnstoffkristall, der auch in der Pflanzendüngung eingesetzt wird. Die Ausstellung will bewusst lediglich Facetten aufzeigen, weitere Einblicke bietet der Katalog. Das ist etwas unbefriedigend, zumal manchmal nicht augenscheinlich wird, warum ein Werk in der Schau hängt oder warum manche Künstler gleich mit mehreren Arbeiten vertreten sind. 

 

Stein aus Licht. Kristallvisionen in der Kunst.

Kunstmuseum Bern

Hodlerstr. 8-12, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 6. September 2015.

Im Kerber Verlag ist ein Katalog erschienen: Heidelberg 2015, 224 S.,

39,80 Euro, 48.60 Franken.




Kunstmuseum Bern