14/06/15

You see, what you see

Im Museum für Gegenwartskunst Basel ist eine Ausstellung mit Bildern und Zeichnungen von Frank Stella zu sehen

von Simon Baur
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Frank Stella, Morro Castle, 1958 , Courtesy Kunstmuseum Basel, Foto: Martin P. Bühler

Im Museum für Gegenwartskunst Basel ist eine Ausstellung mit Bildern und Zeichnungen von Frank Stella zu sehen

Mit dem Jahr 1959 beginnt der Blitzstart des damals jungen Künstlers Frank Stella (*1936). Der Galerist Leo Castelli wird auf ihn aufmerksam und widmet ihm ein Jahr später in seiner New Yorker Galerie die erste Einzelausstellung, und Dorothee Miller zeigt ihn in der Gruppenausstellung „Sixteen Americans“ im Museum of Modern Art, an der unter anderen auch Ellsworth Kelly, Jasper Johns und Robert Rauschenberg beteiligt waren. In dieser Zeit beginnt er mit der Serie der „Black Paintings“. Damit verabschiedete er sich sowohl von seinen frühen Bildern, von denen zwei Werke, nämlich „Seward Park“ und „West Broadway“, nun in der Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst Basel zu sehen sind. Sie lassen noch die gestische Pinselqualität erkennen, distanzieren sich aber gleichzeitig bereits vom abstrakten Expressionismus.

„Morro Castle“, wie die beiden zuvor genannten Bilder, ebenfalls 1958 entstanden, ist vielleicht eines der wichtigsten Bilder Frank Stellas überhaupt. Mit Pigmenten aus der Büchse und breiten Pinseln wurde die Farbe aufgetragen. Auf die Frage, worum es sich hier handelt, antwortete Stella in einem bekannten Interview mit Michael Fried: „You see, what you see“. „Morro Castle“ ist der Name eines amerikanischen Luxusdampfers, der um 1930 von Stapel ging und 1934 unter mysteriösen Umständen ausbrannte, wobei 137 Menschen den Tod fanden. Der Bildtitel ist also höchstens assoziativ zu werten. Um die Qualität der Streifen auf den Bildern zu maximieren, schnitt Stella später die übrig bleibenden Randstreifen ab und entwickelte so den Begriff der „shaped canvases“, eine bildliche Zwitterform zwischen Malerei und Objekt. Es entstehen Bilder in L-, N-, U- und T-förmigen Kompositionsmustern.

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Frank Stella, Studien zu „Transitional Paintings“, 1958, und zu „Black Paintings“, 1958/59 , Courtesy Kunstmuseum Basel, Foto: Martin P. Bühler

Die Hauptattraktion der von Anita Haldemann kuratierten Ausstellung machen aber die Skizzen aus. Christian Geelhaar, ehemaliger Direktor des Kunstmuseums Basel war 1977 bei Jasper Johns und hörte dort vom zeichnerischen Werk Frank Stellas, was bis dahin weitgehend unbekannt war. Ein Besuch beim Künstler zeigte, dass er seine Entwürfe für mögliche Bilder meist auf vorgefundene Papiere zeichnete: auf Notizzettel, Briefpapiere von Freunden oder die Rückseiten von Einkaufslisten. Der Zustand der meisten Arbeiten war bedenklich, zudem gelang es dem Künstler nicht mehr, sie richtig zu datieren. Ohne Zweifel dienten sie ihm zu Studienzwecken und doch waren sie ihm so wichtig, dass er sie aufbewahrte und nicht vernichtete. Alle neunhundert Zeichnungen wurden daraufhin nach Basel transferiert, wo sie restauriert, auf Unterlagen kaschiert und entsprechend präsentierbar gemacht wurden.

Mit dem Einverständnis von Frank Stella einigte man sich darauf die Blättchen nicht alle einzeln, sondern in sinnhaften Gruppen zusammenzustellen, damit der auratische Wert des Einzelnen vermieden und der Entstehungskontext klarer ersichtlich wird. Für die Ausstellung der Zeichnungen, die 1980 stattfand, erstellte Christian Geelhaar zudem einen fundierten Katalog, in dem die Arbeiten wissenschaftlich aufgearbeitet wurden. Frank Stella schenkte dem Kupferstichkabinett 366 der neunhundert Zeichnungen, das damit über Nacht zur ersten Adresse für Zeichnungen des Künstlers wurde. In den Zeichnungen lässt sich Stellas Denken in Bezug auf seine Bildkonzepte nachvollziehen. Er experimentiert, verwirft, beginnt wieder und sucht nach der richtigen Form. Sein Strich ist unsicher, er ist spontan, folgt keiner Logik und verfährt intuitiv. Selten ist man so nah an der Prozesshaftigkeit, die sich hinter Bildern verbergen, selten erkennt man so deutlich, was im Kopf eines Malers vorgehen muss.

       

Frank Stella: Malerei & Zeichnung.

Museum für Gegenwartskunst

St. Alban-Rheinweg 60, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 30. August 2015.

Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen, die kostenlos im

Museum erhältlich ist.




Museum für Gegenwartskunst Basel