13/06/15

Mythologie des Schmerzes

Berlinde De Bruyckere in Bregenz und Dornbirn. Eine Ausstellung an zwei Orten

von Florian Weiland
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Berlinde De Bruyckere, Ausstellungsansicht Kunstraum Dornbirn, Foto: Mirjam Devriendt, © Berlinde De Bruyckere, Mirjam Devriendt und Kunstraum Dornbirn

Berlinde De Bruyckere in Bregenz und Dornbirn. Eine Ausstellung an zwei Orten

Das erste Obergeschoss des Kunsthauses gleicht einem Leichenschauhaus. Auf altarähnlichen Tischen liegen aufgebahrte Körper, aus denen Geweihe wachsen. An manchen Stellen finden sich Öffnungen, die den Blick in die leere Körperhülle freigeben. Die Skulpturen führen die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers vor Augen. Die Körper bestehen aus durchscheinendem Wachs, das in Schichten mit Farbpigmenten bearbeitet ist, so dass man meint, Blutvenen zu sehen. Kunst. Berlinde De Bruyckere (*1964) entführt in eine düstere Welt voller Leid und Schmerz. Die belgische Künstlerin liebt starke Symbole. Und die antike Mythologie.

Die Geschichte von Aktäon, die Ovid in seinen „Metamorphosen“ überliefert, inspirierte De Bruyckere nicht nur zu Skulpturen und Zeichnungen, sondern auch zu einer Tanzperformance, die sie zusammen mit dem Tänzer Romeu Runa entwickelte und die im Kunsthaus Bregenz aufgeführt werden wird. Ovid erzählt, wie Äktäon auf dem Rückweg von der Jagd im Wald zufällig die Göttin Diana überrascht, die gerade ein Bad nimmt. Eine verhängnisvolle Begegnung. Voller Zorn verwandelt die Göttin Aktäon in einen Hirsch. Aus dem Jäger wird ein Gejagter. Aktäon wird schließlich von seinen eigenen Hunden zerfleischt. Die Skulpturen der belgischen Künstlerin verweisen aber nicht nur auf den bedauernswerten Jäger. Die Geweihe lassen auch an den Heiligen Hubertus, den Schutzpatron der Jagd, aber auch der Kürschner, denken. Tierfelle spielen im Werk von Berlinde De Bruyckere eine zentrale Rolle. Der Leichnam Aktäons erinnert als liegender Schmerzensmann nicht zuletzt auch an den vom Kreuz abgenommenen Leib Christi.

Erstmals kooperiert das Kunsthaus Bregenz mit dem Kunstraum Dornbirn. Es ist eine Ausstellung an zwei Orten, die keine 15 Autominuten voneinander entfernt liegen. Die Künstlerin schätzt den Kontrast zwischen den beiden Ausstellungsorten. Peter Zumthors markante, sachlich strenge Betonarchitektur findet ihren Gegenpart in der alten, bereits etwas verfallenen Montagehalle des Kunstraums. Ein charismatischer Ort, der sich als optimale Bühne für zwei Pferde-Objekte der Künstlerin erweist, die hier erstmals gezeigt werden. Sie spielen auf den Ersten Weltkrieg an, in dem Pferde noch auf dem Schlachtfeld eingesetzt wurden. Die verendeten und gequälten Tiere hängen an brachialen Eisengestellen. Aus Pferdehäuten, Wachs, Textilien und Metall formt De Bruyckere die Körper der Tiere. Der Einsatz echten Pferdefells verstärkt die Authentizität und Dramatik der Inszenierung. Wie die menschlichen Körper im Kunsthaus sind auch die Pferdekörper verformt. Sie ähneln surrealen Gebilden, was umso verstörender wirkt. Ein Sinnbild des Leidens, des Schmerzes und der Vergänglichkeit.

Während De Bruyckere im Kunstraum mit echten Tierfellen gearbeitet hat, beschränkt sie sich in Bregenz auf Abgüsse aus Wachs und Kunstharz. Im obersten Stockwerk liegen zwei gewaltige Stapel aus nachgebildeten Kuhhäuten. Als wäre man auf dem Schlachthof. Ein erschreckendes, aber auch sehr ästhetisches Kunstwerk, weil das farbige Wachs dem Ganzen etwas Malerisches verleiht. Das beeindruckendste Werk der Ausstellung handelt einmal mehr vom Werden und Vergehen. Das mehr als 17 Meter lange „Kreupelhout“ („Krüppelholz“) erregte bereits auf der letzten Biennale in Venedig großes Aufsehen. Dort hatte De Bruyckere jedoch eine gänzlich andere Form der Präsentation gewählt. Die monumentale Skulptur lag in dem abgedunkelten Raum des belgischen Pavillons. Eine geheimnisvolle Inszenierung. Der tageslichthelle Raum in Bregenz ist dagegen von einer enttäuschenden Nüchternheit. Erst jetzt sind alle Details erkennbar. An einzelnen Stellen kann man Holzreste und Erdklumpen entdecken. Eine gezielte Irreführung – die Skulptur besteht aus Wachs und Epoxidharz, ist ein Abguss des ursprünglichen Baumes. Wunden, Narben und unter der Rinde durchscheinende Adern verleihen dem zerborstenen Baum menschliche Züge. Er gleicht einem aufgebahrten Leichnam. Eine weitere Metamorphose des Leidens und des Schmerzes.    

Berlinde De Bruyckere: The Embalmer

Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, Bregenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr.

Bis 5. Juli 2015.

 

Kunstraum Dornbirn

Jahngasse 9, Dornbirn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 5. Juli 2015.

 

 

 




Kunstraum Dornbirn
Kunsthaus Bregenz