12/06/15

Als Luzern Kunstgeschichte schrieb

Das Museum Bellpark gibt Einblick in das Archiv des Galeristen Pablo Stähli

von Nadine Wietlisbach
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Pablo Stähli, Die erste Sekunde der „Ersten hundert Tage der Siebziger Jahre“, 1970

Das Museum Bellpark gibt Einblick in das Archiv des Galeristen Pablo Stähli

Eine Reise zurück in das Luzern der 70er Jahre: Damals, als sich nicht nur das Kunstverständnis veränderte, sondern, auch eine vielzitierte Ära am Vierwaldstättersee begann. Die Arbeit mit fotografischen Archiven und das Interesse, sich mit Fragen zum Ausstellungsdispositiv im Kontext dieser Archive zu befassen, hat im Museum Bellpark in Kriens Tradition.

Im Untergeschoss des Museum Bellpark wird das titelgebende Projekt von Pablo Stähli (*1944), Balthasar Burkhard (1944-2010)  und Markus Raetz (*1941) „Die ersten hundert Tage der siebziger Jahre“ erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Arbeit, die ursprünglich für die Ausstellung „Visualisierte Denkprozesse“ im Kunstmuseum Luzern geplant war, funktionierte für diese Zeit typisch, als offene prozesshafte Struktur. In der Ausstellung wurde das Projekt damals aufgrund der geringen Anzahl an Interaktionen nicht präsentiert. Über eine Woche wollten sich die drei im April 1970 täglich eine Sendung mit der Post schicken oder eine andere Aktion dokumentarisch festhalten. Der Start des Projekts, die erste Sekunde der Silves­ternacht, fotografierte Pablo Stähli: Seine Armbanduhr am Handgelenk. Das fragmentarische Projekt verbindet Mail-Art mit Konzeptkunst und wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Die Lektüre der Korrespondenz vermag die Besucherinnen und Besucher bis zum Schluss zu unterhalten.

Das Ziel der Kuratoren Hilar Stadler und Ralf Keller, über eine konzentrierte Auswahl von Dokumenten, Postkarten und Fotografien aus dem Archiv von Pablo Stähli eine Stimmung wieder lebendig zu machen, ist gelungen. Der Künstler, Galerist und Fotograf Stähli ist mittendrin im Geschehen: Durch seine Augen treffen die Besuchenden der Ausstellung auf Balthasar Burkhard, Markus Raetz, Jannis Kounellis, Aldo Walker und Rolf Winnewisser. Peter Fischli und David Weiss, deren Ausstellung „Plötzlich diese Übersicht“ 1981 in der Galerie von Pablo Stähli in Zürich als Bruch in der Geschichte der Schweizer Kunst beschrieben wird, sind auf einigen Bildern zu sehen. Die Protagonisten – leider sind die Protagonistinnen dieser Ära bis auf wenige Ausnahmen nicht präsent – Luciano Castelli mit einem schiefen Lächeln auf einem Motorrad oder Harald Szeemann im Kreise seiner Mitarbeiter, darunter der heute auch zum Mythos stilisierte Kurator Jean-Christophe Ammann – sie scheinen alle in jungen Jahren den Schalk in den Augen und das Abenteuer im Blut zu haben. Bilder von Atelierbesuchen, Ausstellungsaufbauten, Gesprächsrunden und Eröffnungen schaffen eine narrative Ebene, die auch aufgrund der kurzen Texte, welche die Kuratoren zu den einzelnen Fotografien gestellt haben, zu einem Ganzen zusammengefasst werden.

Die zur Ausstellung erschienene Publikation „Postkarten an P.S.“ in satt orangem Leineneinband, besticht durch sorgfältige Gestaltung. Megi Zumstein und Claudio Barandun, das verantwortliche Grafik-Team, überzeugen seit Jahren mit klugen gestalterischen Umsetzungen. Aus einem Konvolut von 600 Postkarten wurden 114 ausgewählt. Über das Medium der Postkarte – von Grusszeilen über Kürzestprosa auf ein paar Zentimetern mit der klassischen Bildvorderseite — wird die nationale und internationale Vernetzung von Pablo Stähli sichtbar.   

 

Die ersten hundert Tage der siebziger Jahre.

Fotografien und Dokumente aus dem Archiv des Galeristen Pablo Stähli.

Museum Bellpark

Luzernerstr. 21, Kriens.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag 14.00

bis 17.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 5. Juli 2015.

Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen:

Postkarten an P.S., Museum Bellpark, Kriens 2015, 116 S.

 

 




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