11/06/15

Das Zusammenfließen der Kulturen zeigen

ZKM-Chef Peter Weibel über das Mega-Event Globale, das sich zehn Monate Zeit für die künstlerische Anamnese der Gegenwart nehmen will

von Annette Hoffmann

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Ryoji Ikeda, Micro/macro, 2013, Foto: Fernando Maguieira, © Ryoji Ikeda

ZKM-Chef Peter Weibel über das Mega-Event Globale, das sich zehn Monate Zeit für die künstlerische Anamnese der Gegenwart nehmen will

Ganze 300 Tage dauert die Globale – so lange wie Karlsruhe an Jahren zählt. Das Kunstevent sucht einerseits die Nähe zur Stadt, andererseits eine Erweiterung des Kunstbegriffs um die Naturwissenschaften. Vor der Auftaktveranstaltung im Juni, an der die Verfehlungen des Menschen im 20. Jahrhundert einem Tribunal unterzogen werden, sprach Annette Hoffmann mit Globale-Chef und ZKM-Direktor Peter Weibel.

Artline: Herr Weibel, im Juni eröffnet im ZKM Karlsruhe die Globale – ein Kunstevent, das bis April nächsten Jahres dauern wird. Geht es nicht ein bisschen kleiner?

Peter Weibel: Schwer zu sagen, denn gerade im Kleinen treten die Defekte der Globalisierung am deutlichsten zutage. Zum Beispiel hat das Kino, das vor dem ZKM steht, einmal einem Karlsruher gehört, jetzt gehört es einer australischen Kinokette. Globalisierung funktioniert nur, weil es auch die Digitalisierung gibt. Wir möchten diese Effekte der Globalisierung zeigen, die die Kunst und Kultur verändern, auch direkt vor der Haustür von jedem.

 

Artline: Wie wird das Programm diesen umfassenden Anspruch widerspiegeln?

Weibel: In den ersten Jahren des Bestehens des ZKM haben wir die Kartografie der Kunst erweitert. Diese Phase der Erweiterung haben wir abgeschlossen. Als erstes Museum der Welt zeigen wir die Konsequenzen der Globalisierung auf unsere Kultur. Anstelle eines „clash of civilization“ möchten wir das Gegenteil, einen „confluence of cultures“, zeigen – ein Zusammenfließen der Kulturen. Über das 20. Jahrhundert hat Frank Lloyd Wright gesagt, es sei durch „Maschine, Material, Mensch“ („Machinery, Materials and Men“) gekennzeichnet. Wenn sie sich heute die Liste der wichtigsten Firmen der Welt ansehen, finden sie Ölfirmen, Google und Facebook. Meine Gleichung für das 21. Jahrhundert lautet also „Medien, Daten, Menschen“. Wissenschaftler und Ingenieure verändern die Welt, warum sollten Künstler immer nur Bilder von der bestehenden Welt schaffen? Die neue Künstlergeneration will auch die Veränderung der Welt, deshalb haben sie die gleichen Werkzeuge wie Ingenieure und Wissenschaftler. Wir möchten das veraltete Bild des Museums ändern. Das Problem ist, dass der Kunstmarkt wie eine Flasche geformt ist. Er lässt nur ein Prozent durch. Es gibt westliche Museen, die Komplizen dieses Marktes sind. Wir wollen ein Komplize der Kunst sein. Wir wollen die Kunst fördern, die der Markt nicht fördert.

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Peter Weibel, Vorstand ZKM, Karlsruhe © ZKM, Karlsruhe, 2014, Foto: Andy Ridder

Artline: 300 Tage Globale feiert auch 300 Jahre Karlsruhe. Wie verbindet sich die Globale mit der Stadt?

Weibel: Die Verbindung ist massiv. Mit der App „Karlsruhe Maptory“ werden wir Stadtgeschichten von Karlsruher Persönlichkeiten abbilden. Karlsruhe stellt sein Licht gerne unter den Scheffel, dabei wurde hier 1886 von Carl Benz das Auto patentiert, Heinrich Hertz erfand hier die Funktechnologie. Karlsruhe hat damit zwei wichtige Erfindungen zur Geschichte der modernen Welt beigetragen. Dann gibt es eine große Menge an Dichtern, Künstlern und Intellektuellen, etwa die Pazifistin Clara Immerwahr. Mit Darstellern des Theaters haben wir die Geschichte Karlsruhes als Geschichten von Karlsruher Persönlichkeiten nachspielen lassen, die man an 30 Häusern per App abrufen kann. Es ist eine Art Stadtarchäologie. Eine andere Arbeit ist „Die Stadt ist der Star“ – Karlsruhe ist ja gerade eine Baustelle. Wir haben Künstler eingeladen, die Stadt durch verschiedene Aktionen, Performances und Skulpturen mit der Idee der Baustelle zu okkupieren. Und drittens wird während der Schlosslichtspiele den gesamten Sommer über eine Projektion auf die Fassade des Schlosses stattfinden. Dafür verwenden wir mit Video Mapping die allerneueste Technik.

 

Globale – Das neue Kunstereignis im digitalen Zeitalter.

ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

19. Juni 2015 bis 17. April 2016.

 

 

 




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