08/06/15

Neue Kunstformen der Natur

Die Ausstellung „Scientific Gardening“ befasst sich mit seltsamen Gewächsen an der Schnittstelle von Kunst, Natur und Wissenschaft

von Roberta De Righi
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Ronald van der Meijs, A Time Capsule of Life 2.0, 2015, courtesy by the artist, Foto: Christoph Knoch

Die Ausstellung „Scientific Gardening“ befasst sich mit seltsamen Gewächsen an der Schnittstelle von Kunst, Natur und Wissenschaft

Den „öffentlichen Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst“ zu fördern und dabei „sinnliche Erkenntnis zu ermöglichen“ hat sich die Münchner Eres-Stiftung zur Aufgabe gemacht. Damit steht sie in der Tradition der Kunst- und Wunderkammern der Renaissance, in der die Fürsten vor „Erfindung“ des Museums Mirabilien sammelten, ohne zwischen Naturalien und Artefakten zu unterscheiden. Unter dem Titel „Scientific Gardening“ präsentiert die Stiftung in ihrem Schauräumen derzeit acht zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, die sich mit dem „analytischen Blick auf Pflanzen“ auseinandersetzen. Diese kontrastiert Kuratorin Sabine Adler mit frühen Bildformen der Botanik.

Der Blick durchs Mikroskop hat die Sicht auf die Welt entscheidend verändert und spielt auch in der facettenreichen Ausstellung eine wesentliche Rolle. Die Mikroskopie diente stets dem Erkenntnisgewinn und steigerte zugleich die Lust am Schauen in die betörend schönen Kleinststrukturen des Kosmos. Die Technik hat sich seither fortentwickelt – von Licht- über Rasterelektronenmikroskopie hin zu Fluoreszenz- und STED-Mikroskopie. Der Arzt und Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919) entdeckte bereits im 19. Jahrhundert „Kunstformen der Natur“ und brachte faszinierende Vielfach-Vergrößerungen von Kieselalgen (Diatomeen) in die bürgerlichen Salons. Faszinierend sind auch Robert Brendels (1821-1898) botanische Lehrmodelle aus der Zeit um 1900, die etwa den weiblichen Blütenstand und die männlichen Samenkätzchen des Haselstrauchs zeigen – aber auch als bizarre Designobjekte bestehen könnten. Und Alois Auers (1813-1869) höchst aufwändige Naturselbstdrucke aus der Wiener Hof- und Staatsdruckerei von 1856 bestechen durch ihre filigrane, fast haptische Qualität.

Auch das klassische Herbarium dient noch heute als Methode zur Erkundung unerforschter Arten, worauf sich die US-Amerikanerin Helen Mirra (*1970) bezieht. Sie sammelte Pflanzen des nördlichen Polarkreises und drapierte sie zu einem artifiziellen Herbarium, in dem die getrockneten Stiele und Blüten von Knöterich und Siebenstern auf dem Papier miteinander zu tanzen beginnen. Ebenfalls Feldforschung betrieben Jacqueline Baum (*1966) und Ursina Jakob (*1955). Karthäusernelke und Klatschmohn, Klee und Kratzdistel: Das Schweizer Künstlerinnenduo brachte bedrohte Wiesenblumen, wie sie – derzeit noch – auf Magerwiesen im Wallis wachsen, in einem komplexen Verfahren auf Papier. Sie kombinierten die im 19. Jahrhunderts entwickelte Heliogravüre mit dem modernen CMYK-Druck; die Darstellung besticht durch Präzision und Plastizität. Diese letzten Wildblumen stellen sie in ihrer zweiteiligen Arbeit „Connected in Isolation“ einem Film über die Massen-Produktion von Tulpen in einem holländischen Großbetrieb gegenüber.

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Markus Huemer, Gewöhnlicher Sumpf Bärlauch (Lycopodiaceae), 2006, aus der Serie NetFlora I, courtesy the artist/Galerie Max Weber Six Friedrich, Foto © Christoph Knoch

Maria Sybilla Merians (1647-1717) Blumenstiche benutzt der Maler Markus Huemer (*1968) als Musterbücher für seine ornamentalen Gemälde. Er vergrößert die Silhouetten der dargestellten Pflanzen als Negativumriss auf die Leinwand, wobei die umgebende Bildfläche stets blau ist. Diese „Blaupausen“ kombiniert er mit Namen von Computerviren, da jene für ihn die Artenvielfalt des digitalen Zeitalters bedeuten.

Die Serie „The Alphabet of Plants“ mit Schwarz-Weiß-Fotografien rundet die Schau ab: Der Münchner Künstler Robert Voit (*1969) erweist damit dem Pflanzenfotograf Karl Blossfeldt seine Referenz, die sich nur bei genauem Hinsehen vom neusachlichen Original unterscheidet: Alle Aufnahmen Voits zeigen Plastiknachbildungen von Pflanzen – ob den gerollten Wurmfarn oder die stachlige Kugel mit dem sprechenden Namen „Schwiegermutterstuhl“. Eine leise ironische Täuschung und zugleich kritische Würdigung unserer Plastik-Kultur.       

 

Scientific Gardening.

Eres-Stiftung

Römerstr. 15, München.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Samstag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 27. Juni 2015.

 




Eres-Stiftung