09/06/15

Körper in Bewegung

Die Gruppenschau Parade eröffnet einen Ausstellungszyklus, mit dem die Ursula Blickle Stiftung ihr 25-jähriges Bestehen feiert

von Annette Hoffmann
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Rosemarie Trockel, Parade, 1993, Rosemarie Trockel © VG Bildkunst Bonn

Die Gruppenschau Parade eröffnet einen Ausstellungszyklus, mit dem die Ursula Blickle Stiftung ihr 25-jähriges Bestehen feiert

 „Parade“ ist ein einigermaßen vielschichtiger Titel für den Auftakt eines Ausstellungsprojektes, das sich in Kraichtal über zwei Jahre mit dem Körper, dem Raum, der Bewegung und dem Tanz befassen wird. Die vier Ausstellungen der nächsten beiden Jahre werden das 25-jährige Bestehen der Ursula Blickle Stiftung feiern, indem sie bei der früheren Profession der Stifterin als Tänzerin und Schauspielerin ansetzen. Der Titel zeigt einerseits die Verbundenheit von Ursula Blickle zu den Künstlerinnen und Künstlern, die in ihrer Stiftung ausstellen – neben Rosemarie Trockel (*1952), von der unter anderem ihre Videoarbeit „Parade“ zu sehen ist, sind auch Werke von Larry Clark (*1943) und Elaine Sturtevant (1924-2014) Teil der Schau. Andererseits verweist der Titel auf die Bedeutung des Tanzes für die Moderne. Als 1917 das Ballett „Parade“ Premiere feierte, hatten sich Pablo Picasso, Erik Satie, Jean Cocteau, Guillaume Apollinaire und Léonide Massine zusammengeschlossen, um das Stück auf die Bühne zu bringen. Es waren die in ihren Sparten fortschrittlichsten Künstler ihrer Zeit, zusammen schufen sie etwas, was es so noch nicht gegeben hatte. Dass es ausgerechnet der Tanz war, der hier das avantgardistische Potential entfachte, mag auch daran liegen, dass sich bewegende Körper konkret und abstrakt zugleich sein können.

Auch die flink kriechenden Seidenraupen von Rosemarie Trockels Videoarbeit „Parade“ zur Musik von Kurt Hoffmann sind mehr als sie selbst. Auf dem blauen Grund nehmen sie sich aus wie ein Corps de Ballet. Mal teilt sich die Company, während die eine Hälfe nach links abdreht, wendet sich die andere nach rechts. Später paradieren sie aneinander vorbei oder bilden Fünferreihen, die nach oben hin verschwinden. Die stilisierten Raupen, die von oben zu sehen sind, scheinen alle denkbare Bewegungsmuster durchzuspielen. Das hat etwas Formales und etwas von einer animierten Zeichnung, ist aber auch ein ironischer Kommentar auf alles Militärische und Fresshaft-Kunstlose, das man Raupen – selbst wenn es der Seidengewinnung dient – gerne unterstellt. Überhaupt hat Trockel anscheinend Freude an einer guten Pointe. In ihrem Video „Egg trying to get warm“ sieht man ein Ei, das sich auf der mittigen Kuhle einer Herdplatte um sich selbst dreht, und ihre 1994 entstandene Arbeit „À la motte“ zeigt den Weg einer Motte durch eine Wolldecke. Als würde man einen Reißverschluss herunterziehen, teilt sich das Gewirk, dann wechselt die Kamera zu einer Totalen. Überall auf dem Strickstück sind Löcher zu sehen. Plötzlich jedoch läuft der Film rückwärts und das Bild der Zerstörung schließt sich wieder.

Am stärksten aber wird bei Elaine Sturtevant die Bühne als Präsentationsform thematisiert. Im Obergeschoss der Ursula Blickle Stiftung steht die von Glühbirnen umrahmte Tanzplattform „Felix Gonzalez-Torres Untitled (Go-Go Dancing Platform)“. Zur Eröffnung tanzte dort ein Mann in silberglänzender Badehose, jetzt ist sie verwaist: ein leeres Versprechen auf ein bisschen Glamour und die Teilhabe an einem voyeuristischen Moment. Gonzalez-Torres schuf es in Erinnerung an seinen an Aids gestorbenen Freund.

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Larry Clark, Tulsa, 1963-1971, MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main

Larry Clarks Serie „Tulsa“, die er 1971 beendete und die in Kraichtal vollständig und in musealer Hängung gezeigt wird, bedient alle denkbaren voyeuristischen Impulse. Der Körper seiner Freunde steht im Mittelpunkt der Serie. An ihm macht sich die Intimität und Nähe zwischen dem Fotografen und den jungen Erwachsenen fest, er ist aber auch die Bühne für ein Drama innerer Zerrissenheit. Alkohol, Drogen, Gewalt und Sex sind die Ablenkung an einem Ort, an dem ansonsten nichts zu passieren scheint. Dass sehr wohl etwas passiert, zeigen die Waffen, mit denen hier auf Feldern und in Wohnungen hantiert wird. Clark selbst war, als diese Schwarz-Weiß-Aufnahmen entstanden, aus dem Vietnamkrieg nach Tulsa zurückgehrt. Der Körper ist Darsteller, aber auch Zeugnis dieser Spannungen. Larry Clark war einer von ihnen.

       

Parade.

Ursula Blickle Stiftung

Mühlweg 18, Kraichtal-Unteröwisheim.

Öffnungszeiten: Mittwoch 14.00 bis 17.00 Uhr, Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 28. Juni 2015.




Ursula Blickle Stiftung