26/05/15

In der Zukunft liegt die Vergangenheit

In der Kunsthalle Basel lässt Mark Leckey das Internet der Dinge real werden

von Dietrich Roeschmann
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Mark Leckey, UniAddDumThs, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2015, Detail von Felix The Cat, und Kopie von Matthew Noel-Tods, Castle 3.0, Foto: Philipp Hänger

In der Kunsthalle Basel lässt Mark Leckey das Internet der Dinge real werden

Seit langem interessiert sich der Brite Mark Leckey (*1964) für Bilder von exotischen Dingen, von Kunstwerken, Comicfiguren, fantastischen Kreaturen, seltsamen Apparaten. Er findet sie im Internet und speichert sie auf seiner Computerfestplatte, ihre Zahl geht mittlerweile in die Tausende. Für Leckey sind sie das Material, aus dem er seine Kunst macht. Um den Überblick nicht zu verlieren, legt er sie in Ordner ab, die er „Mensch“, „Maschine“, „Tier“ und „Monster“ nennt. Das Besondere an dieser Sammlung ist, dass jede Bilddatei einem wirklich existierenden Ding entspricht. Vor vier Jahren machte sich Leckey daran, diese Gegenstände in der realen Welt zu suchen, kaufte sie oder lieh sie aus und arrangierte sie in einer Ausstellung in Liverpool zu einem wild verschachtelten Parcours durch die Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Skulpturen von Louise Bourgeois und Martin Kippenberger fanden sich hier plötzlich neben Kinorequisiten wie der Penisschaukel aus Stanley Kubriks „A Clockwork Orange“, eine altägyptische Katzenmumie und Alraunenwurzeln in Menschengestalt neben High-Tech-Prothesen und Designstudien für japanische Kleinwagen.

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Mark Leckey, UniAddDumThs, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2015, Blick auf Monster, Foto: Philipp Hänger

Leckeys These: Je weiter wir uns in die Zukunft bewegen, desto näher rückt uns die Vergangenheit. Das Internet der Dinge, in dem der Computer zunehmend durch intelligente Gegenstände ersetzt wird und Wearables wie Uhren, Brillen oder elektronisch aufgerüstete Textilien den individuellen Körper mit virtuellen Strukturen vernetzen, hat unseren Blick auf das reale Objekt verändert. Galt seit Beginn der Aufklärung, dass Gegenstände ihre Geschichte haben, aber sicher keine Seele, wundern wir uns heute kaum noch darüber, dass die Dinge plötzlich selbst denken und miteinander kommunizieren. Willkommen im Techno-Animismus der Gegenwart.

Mark Leckeys Austellung in Liverpool war ein voller Erfolg. 2013 tourte sie durch halb England, wo der Brite fünf Jahre zuvor für eine aberwitzige Filmcollage über Popkultur-Images von Homer Simpson bis Felix The Cat mit dem Turner-Preis ausgezeichnet worden war. Auch in seiner Soloschau „UniAddDumThs“ in der Kunsthalle Basel ist der legendäre Cartoon-Kater Felix mit dabei. Als aufblasbarer Fünfzehn-Meter-Riese klemmt er im Treppenhaus und versperrt den Weg in die Ausstellung. Zwängt man sich daran vorbei, wartet dahinter eine irritierende Neuauflage von Leckeys Liverpooler Schau, die der Brite hier nahezu identisch nachgebaut hat. Was man auf den ersten Blick als Symptom eines Wiederholungszwangs abtun könnte, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein begehbarer, äußerst komplexer, aber kurzweiliger Essay über das Verhältnis von Original und Kopie und die Wiederkehr der Aura im Zeitalter digitaler Technik. Tatsächlich nämlich hatte Leckey kurz vor der Finissage in Liverpool beschlossen, seine Ausstellung komplett einzuscannen – um sie nun in Basel Bild für Bild und Objekt für Objekt von Laser- und 3-D-Printern wieder ausdrucken zu lassen. Was in der Kunsthalle zu sehen ist, ist so das Ergebnis einer spektakulären Doppelverwandlung: von Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen in digitale Informationen, zurück in ein räumliches Setting, das radikal mit allen Vorstellungen von Authentizität und Autorenschaft bricht, in der persönlichen Ordnerstruktur, die Leckeys Display repräsentiert, zugleich aber äußerst eigenwillig die Definitionsmacht über die Welt beansprucht. Sehr cool.       

Mark Leckey, UniAddDumThs

Kunsthalle Basel

Steinenberg 7, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 31. Mai 2015.

 




Kunsthalle Basel