29/05/15

Piet Esch

Leben in Räumen

von Fiona Hesse
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Piet Esch, Hey Philip, 2014

Das Leben in den Räumen

Die größte Hürde eines Textes ist der erste Satz. Gelingt er nicht, kann das der Beginn einer lang anhaltenden, tiefen Krise sein – wie bei Rudolf, dem Protagonisten aus Thomas Bernhards Roman „Beton“ (1982). Wer je einen von Thomas Bernhards Texten gelesen hat, versteht, dass auch mancher Leser über einen ersten Satz stolpern kann, zu lang, verschachtelt und dem gewohnten Lesefluss entgegenstehend ist Bernhards Sprache. Wie mag es da wohl dem ergehen, der Thomas Bernhards Romane verfilmen will? Einer, der es in jüngster Zeit gewagt hat, ist Piet Esch (*1979), Mediengestalter, Regisseur und Kameramann für Kurzfilme, Musik- und Werbevideos, Autodidakt. Einer, der von Bernhards Anfangssätzen und seinen Protagonisten fasziniert ist und das Experimentieren liebt. Und genau der gewinnt für seinen Kurzfilm „Beton“ 2009 auf dem 17. Filmfestival Contravision den 1. Platz und die Deutsche Film- und Medienbewertung 2010 vergibt ihm auch noch das Prädikat „besonders wertvoll“. Diese Auszeichnungen vor bald sechs Jahren waren für Piet Esch die verdiente Belohnung auf seinem unkonventionellen Lebenslauf und die beste Motivation, den Weg der Filmkunst weiter zu gehen. Seit 2013 Student an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), hat er sein Repertoire an experimentellen Kurzfilmen, Videoinstallationen und Dokumentationen aller Art stetig und erfolgreich erweitert.

Seinen Stil könnte man als audio-visuell-dokumentarisch bezeichnen, gepaart mit grafischen Elementen, immer eingelassen in die Originalgeräusche der Umgebung. Je nach Projekt mischt er Realstimmen mit vierkanaligen elektronischen Sounds und/oder Musik und kombiniert diese Melange mit langen Einstellungen, Endlos-Kamerafahrten oder geteiltem Screen („Nacht Stadt Zürich“, 2014; „Sammelstelle Scope Basel 2014“, „Hothouse Uerikon“, 2013). Fügen sich die jeweiligen Elemente stimmig und stimmungsvoll in einem logischen Spannungsbogen zusammen, werden seine Filme zum „Taktgeber des visuellen Elements und Pulsschlag“, wie die Dokumentation „Auf den letzten Metern“ für die Eröffnung des Hek und Atelier Mondial 2014. Das Video, das gemeinsam mit Daniel Teige realisiert wurde, zeigt die letzten acht Wochen vor der Eröffnung des neuen Campus der Künste im Dreispitzareal Basel und gleichzeitig, wie sich das Gewerbe- und Dienstleistungsgebiet zu einem der kulturell wichtigsten Orte der Region mausert.

Für seine Werbevideos, die er u.a. für seine 2006 gegründete Crossmedia-Gemeinschaft sugarman.tv produzierte, arbeitete Piet Esch mehrfach mit einem Lichtkasten, der von oben gefilmt wird, und nur die Hände bei einer bestimmten Tätigkeit zeigt. Mit dem Computer wurden dann grafische Elemente hinzugefügt, die so wirken, als würden die Hände oder Finger selbst die Elemente bewegen – ganz wie die Bewegungen bei dem Bedienen von Touchscreens (z.B. „Euref-Campus“, 2013). Auch seine Musikvideos kombiniert er häufig mit grafischen oder animierten Elementen, welche die Musiker und Sänger auf ihren Streifzügen durch ihre Videowelt begleiten, unterstützen oder überlagern („Delorian Cloud Fire – Wide Awake“, 2014).

Den Bezug zur Literatur hat Piet Esch beibehalten. Thomas Bernhard, Musil oder der junge, aufstrebende britische Schriftsteller Adam Thirlswell sind nur einige Namen, die ihn inspirieren. Die notwendige, starke Komprimierung von Romaninhalten auf ausgewählte Sequenzen hat sein besonderes Gespür für den individuell gefärbten Blick auf die Welt geschult. Eschs Interesse gilt dem „Leben in den jeweiligen Räumen“ wie etwa dem Arbeitszimmer Rudolfs in „Beton“ oder dem allgemeinen Lebensraum eines jeden Menschen – ein Interesse, das er mit seiner Frau Sarine Waltenspül teilt, die zu Modellen im Film forscht. Dadurch konnte er 2013 das Projekt „Hothouse Uerikon 01“ filmisch begleiten, das von Florian Dombois (ZhdK) initiiert wurde. Für eine Woche versammelten sich vier Künstler und drei Kunsthistoriker, um sich dem Modell als Kunstwerk und Erkenntniswerkzeug zu widmen, das sich täglich transformierte und weiterentwickelte.

Die Idee des Modellraums, der offene Assoziationen auf der erzählerischen Ebene ermöglicht, hat Piet Esch für sein Projekt „Hey Philip“, aufgeführt 2014 bei Playground, wortwörtlich genommen und ist damit zum frisch gekürten Gewinner des Medienkunstpreises Oberrhein 2015 geworden. In dem „intermedialen Spaziergang im Modellversuch“ durch die ZhdK hat er das Architekturmodell seiner ehemaligen Wohnung in Berlin vor die Kamera montiert. Während die überbrückte Linse nur einen stark gefilterten Blick nach Außen ermöglicht, erlaubt das Modell als Interaktionsmedium visuelle Anonymität. Diese aktuelle Auszeichnung zeigt, dass Piet Esch gut mit der Hürde des ersten Satzes umzugehen weiß. Als Filmkünstler hat er sie längst überwunden und seinen Weg in die Welt der Literatur und Kunst gefunden.

Piet Esch ist Preisträger des MedienKunstpreis Oberrhein 2015