19/05/15

Der Kontinent der Macher

Im Vitra Design Museum zeigt die Ausstellung "Making Africa" Design in Überfülle

von Annette Hoffmann
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Vigilsm, Idumota Market, Lagos  2081 A.D., aus der Serie Our Africa 2081 A.D., Serie Illustration für die Heritage Menswear Kollektion von Ikiré Jones, 2013, © Olalekan Jeyifous & Walé Oyéjidé

Im Vitra Design Museum zeigt die Ausstellung "Making Africa" Design in Überfülle

Sam Hopkins berichtet in einem kurzen Interview, wie er 2007 das Slum-TV in Nairobi mitbegründete und wie wichtig es sei, den Mitleid erregenden Bildern der NGOs von Afrika andere entgegenzusetzen. Für den 1979 in Rom geborenen Hopkins, der in England und Kenia aufwuchs, ist das Schaffen von Bildern und Narrationen ein bewusster politischer Akt. Die Gemeinschaft dokumentiere sich in ihnen, sagt er. Wer sich zum Subjekt der Berichterstattung macht, gestaltet mit, wie die anderen auf einen schauen und emanzipiert sich von deren Meinungen. Im Vitra Design Museum kann man nicht nur in diesen O-Ton hineinhören, die von Amelie Klein kuratierte Ausstellung „Making Africa. A continent of contemporary design“ zeigt auch Sequenzen des Slum-Fernsehens. So werden wir etwa zu verschiedenen Mittagsküchen mitgenommen. Nicht immer hygienisch, aber billig und frisch zubereitet, kommentieren Passanten das Angebot. Es ist eine Form des Unternehmertums, die westlichen Reisenden ansonsten verborgen bleibt und mit dem Vorurteil aufräumt, Slumbewohner besäßen keine Eigeninitiative. Dass Slum-TV gerade vom Westen vor allem als Hilfsprojekt angesehen wird, ist von bitterer Ironie. Auch eine Ausstellung, der Okwui Enwezor als beratender Kurator zur Seite stand, entgeht dieser nicht immer. 

Denn auch die Ausstellung „Making Africa – A continent of contemporary design“, die von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde, will eine neue Geschichte dieses Kontinents erzählen. „Making Africa“ versteht sich ausdrücklich als Designausstellung, beschränkt sich dabei aber nicht auf Objekte: Design ist auch, was Prozesse, Systeme und das Miteinander gestaltet. Die Ausstellung macht dafür die Maker-Kultur fruchtbar für das Zeitgenössische und die Zukunft. Wenn auch nicht jeder Bewohner Afrikas einen 3D-Drucker besitzt, so ist der Kontinent von modernen Technologien alles andere als abgeschnitten. 2012, so kann man in der begleitenden Zeitung lesen, waren in Afrika mehr Handys registriert als in den USA oder Europa. Man sollte das vielleicht nicht überbewerten. Die spezifische Maker-Kultur, die Afrika hervorbringt und ausmacht, scheint vor allem eine kluge Synthese von traditionellen Materialien sowie handwerklichen Techniken mit modernen Technologien zu sein. Wie hybrid diese Narrationen sein können, lässt sich an den farbenfrohen Wachsstoffen ablesen, die in Anlehnung an indonesische Batikarbeiten in den Niederlanden für den amerikanischen und europäischen Markt hergestellt worden sind, dann aber in Afrika reißenden Absatz fanden. Wohl nicht grundlos sieht man sie öfters in Weil.

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Ikiré Jones, The Madonna, aus der Serie „Untold Renaissance“, 2014, © Walé Oyéjidé

Wer in der kolonialen und postkolonialen Geschichte des Kontinents nicht sonderlich firm ist – und wer ist das schon? – dem wird diese Bildungsreise schnell zum Parforceritt. Die Museumräume schlagen jeweils ein neues Kapitel der Ausstellung auf, bieten ihnen aber auch einen engen Rahmen. Verschachtelte und gestaffelte Displays zeigen hier noch ein Video über Adaptionen von Pharrell Williams Musikclip „Happy“, dort noch eine Homepage über die Schwulen- und Lesbenkultur in Südafrika. Über alles wüsste man gerne mehr, es fehlen jedoch Einordnungen und Vermittlungen. Tatsächlich hätte diese Ausstellung Geschichten von Selbstaneignungen zu erzählen, etwa die der senegalesischen Modemacherin Oumou Sy, die 2006 ihre Kollektion dem Dichter und Politiker Léopold Sédar Senghor widmete, der den Begriff der Négritude prägte. Sys Entwurf verbindet einen weit ausgreifenden Rock aus geflochtener Raffia mit einem extravaganten Überwurf, der zugleich als Sonnenschutz dient. Nicht weniger selbstbewusst sind die Einstecktücher des Labels Ikiré Jones „The Untold Renaissance“, auf denen Afrikaner Maria oder westliche Philosophen ersetzen. Es scheint jedoch, als hätten die Ausstellungsmacher über ihrem Vorhaben die Schaffenskraft und Dynamik Afrikas abzubilden, den westlichen Betrachter vergessen.       

Making Africa – A continent of contemporary design.

Vitra Design Museum

Charles-Eames-Str. 2, Weil am Rhein.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr. Bis 13. September 2015.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Eigenverlag Vitra Design Museum, Weil am Rhein 2015, 344 S., 39,90 Euro | ca. 109 Franken.

 




Vitra Design Museum