15/05/15

Vom Oberland zum Morgenland

In der Berner Kunsthalle schickt die Gastkuratorin Donatella Bernardi den Blick auf eine postkoloniale Weltreise

von Sebastian Baden
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Sera Baldis, Donatella Bernardi, Dhatlagiri 1976, 2015

In der Berner Kunsthalle schickt die Gastkuratorin Donatella Bernardi den Blick auf eine postkoloniale Weltreise

Unter dem kryptischen Titel „Morgenröte, aurora borealis and Levantin: into your solar plexus“ hat die Genfer Kunsthistorikerin und Künstlerin Donatella Bernardi eine komplexe Ausstellung kuratiert, die sich mit ihrer eigenen Familie, mit der Ausstellungsgeschichte der Kunsthalle und dem Werk der libanesischen Künstlerin Saloua Raouda Choucair sowie deren Tochter Hala Schoukair auseinandersetzt. Das verbindende Element der Ausstellung bildet implizit der in den Kulturwissenschaften aktuelle Diskurs zur postkolonialen Perspektive, der die Konstruktion des Orients sowie die kulturelle Hybridität der Gegenwart kritisch reflektiert. Exemplarisch kommt diese Perspektive schon im Eingangsbereich der Ausstellung unter dem Titel „Syrischer Portikus“ zum Ausdruck. Hier wird die Aufmerksamkeit auf einen in der Höhe gehängten Fries aus acht Fotografien gelenkt, auf denen archäologische Fundstätten und historische Tempelanlagen in Anatolien und Syrien (laut Index Aleppo und Palmyra) zu sehen sind. Darunter gibt der offene Durchgang in den Hauptsaal den Blick auf eine von der Freskokünstlerin Sara Baldis zusammen mit der Kuratorin gestaltete Wandmalerei frei, welche auf Fotocollagen basiert und ein Basislager vor dem Panorama des Dhaulagiri-Massivs zeigt. 1976 fotografierte Alfonso Bernardi, der Patenonkel der Kuratorin, als Mitglied einer italienischen Himalaya-Expedition den Aufstieg zu dem nepalesischen Achttausender.

Die Blickachse demonstriert einen aufschlussreichen kulturanthropologischen Zusammenhang zwischen Hochkultur und Eroberungskultur, zwischen dem 3000 Jahre alten Weltkulturerbe der Assyrer – das aktuell vom Islamischen Staat zerstört wird – und der Besteigung des „Dachs der Welt“ in Nepal um 1976 durch italienische Alpinisten. Für die in der Ausstellung gezeigten Fotos wurden Diapositive aus dem Archiv von Alfonso Bernardi digitalisiert. Der Amateurethnograf bereiste 1975 auch das heutige Syrien und dessen Umgebung bis zum Iran, weshalb der orientalistische Begriff Levante im Fokus der Ausstellung steht. Wie „das Morgenland“ dient er der allegorischen Umschreibung jener Länder im östlichen Mittelmeerraum aus der Perspektive des Okzidents und unterliegt einer politischen Ideologie aus imperialistischen Zeiten, die in der Kunsthalle zwar bildlich vorgeführt, aber nur latent einer Kritik unterzogen wird. Den Versuch einer Dekonstruktion des Orientalismus unternimmt die Kuratorin in den beiden mit „Heimweh“ und „Alpen“ betitelten Nebenräumen. Dort hängen Gemälde aus der Eidgenössischen Kunstsammlung, wie die „arabischen Musikanten“ von Werner Hartmann aus dem Jahr 1931, welche die stereotype Perspektive auf das „andere“ des Orients repräsentieren. Nebenan machen Alpenansichten des Berner Oberlands von Hans Bachmann, Charles L’Eplattenier oder Walter Eggimann deutlich, dass auch das Klischee der Schweiz aus romantisierten Ansichten des 19. Jahrhunderts überliefert wird.

Eine Fortführung des eurozentrischen Blicks zeigt die Kuratorin anhand der fotografischen Dokumentationen ihres Vaters Luciano Bernardi, der die Welt, ähnlich wie der Onkel, zwischen 1950 und 1981 zu ethnografischen Studien umrundete. Mit einer Doppelprojektion präsentiert Donatella Bernardi insgesamt 5298 digitalisierte Diapositive. Zu dieser archivarischen Aufarbeitung unter dem Werktitel „Lange und horizontale Ekstase“ (2015) hat Franz Treichler sieben Soundscapes komponiert, die in der Black Box über je knapp sechs Stunden eine meditative Atmosphäre erzeugen. Die Projektion wirft Fotos von Sehenswürdigkeiten aus diversen Hochkulturen und Ansichten ferner Landschaften an die Wand. Von St. Petersburg über Westafrika und die Anden bis auf den indischen Subkontinent führt die Reise in faszinierenden Bildern. Ozeanische Urwälder und russische Paläste, europäische Klassizismen und Historismen sowie asiatische Architekturtraditionen tauchen im Dunkeln als Lichteffekte auf.

Man kann sich allerdings der von Claude Lévi-Strauss geprägten Metapher der „traurigen Tropen“ nicht entziehen: Sind die fernen Welten erst einmal entdeckt, halten die fotografischen Zeugnisse nur noch Erinnerungen an das Fremde parat, das schon längst der kulturellen Kannibalisierung durch eine barbarische Zivilisation anheim gefallen ist.

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 Salona Raouda Choucair, Inter-Cube, 1970-72

Gegen die dem kolonialen Zeitalter geschuldeten Verklärungen des Fremden und der eigenen Identität versucht die Ausstellung mit einer vergleichenden Methode anzukommen. Hierzu webt Donatella Bernardi ein weiteres künstlerisches Verwandtschaftsgefüge in die Ausstellung ein: Es sind dies die Werke der beiden libanesischen Künstlerinnen Saloua Raouda Choucair und Hala Schoukair, Mutter und Tochter, deren kleinteilige, ornamentale Kompositionen miteinander sowie mit den Fotos von Luciano Bernardi und den Postern der Kunsthalle konfrontiert werden. Choucair gilt als Pionierin an der Schnittstelle zwischen einer nach Nahost exportierten Bauhausmoderne und der abstrakten Formenvielfalt der islamischen Kunsttradition. Ihre Kunstwerke sprechen für den fruchtbaren Effekt einer „convergence culture“, aus der neue Kunstformen hervorgehen. Beispielhaft dafür sind die geometrischen Gemälde und organischen Skulpturen aus Stein, Terrakotta oder Kunststoff sowie das formalistische Design auf den Buch-Einbänden der Autorin Thurayya Malhas. Ihre Tochter Hala Schoukair ringt offensichtlich mit diesem undogmatischen Erbe. Sie konzentriert ihr eigenes Schaffen auf dichte Liniennetzzeichnungen, die unter dem Serientitel „Grains of Light“ (um 2014) in der Ausstellung zu sehen sind und einem Dauervergleich an vielen Stellen standhalten müssen, so etwa mit dem blumigen Ausstellungsplakat von Günter Brus aus dem Jahr 1976.

Im Sinne eines dekonstruierenden kunsthistorischen Blicks gleicht die Ausstellung zwar, wie im Pressetext angekündigt, einem zeitgenössischen Kunst- und Kuriositätenkabinett, aber Donatella Bernardi gelingt darin ein Diskursspagat, der heterogene Exponate gemäß dem kritischen Anspruch der Visual Culture Studies verbindet.

Morgenröte, aurora borealis and Levantin: into your solar plexus

Kunsthalle Bern

Helvetiaplatz 1, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr. Bis 7. Juni 2014.




Kunsthalle Bern