13/05/15

Einkehr und Isolation

Das Haus der Kunst München zeigt umfassend Louise Bourgeois' Serie der Zellen

von Roberta De Righi
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Louise Bourgeois, Spider, 1997, Christopher Burke, © The Eastern Foundation/ VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Das Haus der Kunst München zeigt umfassend Louise Bourgeois' Serie der Zellen

Den menschlichen Körper zerlegt sie gerne in seine Einzelteile, arbeitet sich ab an der Darstellung überdimensionierter Geschlechtsorgane, konfrontiert sich immer wieder mit Angst und Verlassenheit. Diese furchtlose, leicht obsessiv wirkende Frau ist die große Installations-Pionierin Louise Bourgeois, die 1911 in Paris geboren wurde, 1938 mit ihrem Mann nach New York übersiedelte, wo sie drei Söhne großzog, eher spät Anerkennung erfuhr und 2010 hochgeehrt im Alter von 98 Jahren starb. Die lebenslange künstlerische Auseinandersetzung mit dem familiären Setting, in das sie einst hineingeboren wurde, scheint tatsächlich „Gesundheitsgarantie“ gewesen zu ein, wie sie es selbst einmal formulierte.

Die quantitativ, räumlich und inhaltlich überwältigende Ausstellung „Strukturen des Daseins: Die Zellen“ im Münchner Haus der Kunst (Kuratorin: Julienne Lorz) konzentriert sich auf das Motiv der „Cell“, das die Bildhauerin in den Achtziger Jahren entwickelte. Als sie 1980 in ein geräumiges Atelier umzog, wuchsen auch ihre Schöpfungen. Insgesamt existieren rund 60 dieser Zellen; die Schau bietet so viele wie noch nie gemeinsam dar, nämlich 30 aus den Jahren 1989 bis 2008 sowie zwei Vorläufer-Arbeiten – und jede einzelne ist stark in der Intensität des Ausdrucks. Auch die Riesenspinne „Maman“ behütet eine Zelle, sie personifiziert Bourgeois‘ geliebte Mutter. Die Eltern betrieben in einem Vorort von Paris eine Textilwerkstatt, die Mutter restaurierte Teppiche. Während der Vater die Tochter schikanierte und die Gattin mit dem Kindermädchen betrog, war jene ihre Rettung. Den zerstückelten Vater lässt sie darum auch später auf dem Grill einer Rotlicht-Höhle schmoren („The Destruction of Father“, 1974).

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Louise Bourgeois, Cell (The last climb), 2008, Collection National Gallery of Canada, Ottawa, Foto: Christopher Burke, © The Eastern Foundation/ VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Kokon und Käfig, Nest und Gefängnis, Höhle und Hölle  – Bourgeois' Einheiten sind immer ambivalent, sie bedeuten Einkehr und Isoliertheit zugleich, bergen ein Geheimnis wie sie zum Voyeurismus anregen. Wie die frühen Zellen I bis VI aus den 90er Jahren, runde Kammern, gefüllt mit medizinischem Gerät, Flakons, Spiegeln ‒ mittendrin ein Ohr, ein Bein, Hände. Vivisektion mit allen Sinnen. Und sie rühren an alle ganz großen Themen des Lebens: Kindheit und Erwachsenwerden, Liebe, Angst, Sexualität und Tod. Bourgeois selbst war jahrelang in Psychoanalyse, und Freud hätte Freude gehabt an den organischen Formen, in denen weibliche und männliche Genitalien verschmelzen. Das Eltern-Schlafzimmer von 1994 leuchtet blutrot, im Kinderzimmer sind allerlei Nadeln, Spindeln, rote Fäden vorhanden. Die Bandbreite der Materialien ist ebenfalls stupend, Bourgeois verarbeitet alle Arten von Textilien sowie Bronze, Marmor, Glas und allerlei Fundstücke; etwa den ausrangierten Wassertank, der 1992 zu „Kostbare Flüssigkeiten“ umgebaut wurde. Eines ihrer Lieblingsmotive ist die Spirale, weil sie „Ordnung ins Chaos“ bringt. So wie auch in der letzten Zelle „Der letzte Aufstieg“. Darin führt eine Wendeltreppe, von blauen Glaskugeln umschwirrt, ins Nichts. Eine etwas andere Himmelfahrt.

Louise Bourgeois, The Cells

Haus der Kunst

Prinzregentenstr. 1, München.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.

Bis 2. August 2015.

 




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