11/05/15

Notationen der Zeit

Im Kunstmuseum Luzern wird eine Ausstellungstrilogie der amerikanischen Künstlerin Sharon Lockhart abgeschlossen

von Annette Hoffmann
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Ausstellungsansichten Kunstmuseum Luzern, Sharon Lockhart, Milena. Milena, 28.2. bis 21.6.2015, Foto: Marc Latzel

Im Kunstmuseum Luzern wird eine Ausstellungstrilogie der amerikanischen Künstlerin Sharon Lockjart abgeschlossen

Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet Sharon Lockhart (*1964) an der Serie „Untitled Studies, re-photographed snapshots“. Es sind nachgestellte Fotografien aus dem eigenen Familienalbum, die vor allem von Lockharts Mutter gemacht wurden. Viele Kinderporträts sind darunter, ein Mädchen pflückt leuchtendgelben Löwenzahn und nicht wenige Aufnahmen scheinen in den Ferien entstanden zu sein. Die Küste mit Strandgras bewachsen, Kondensstreifen am blauen Himmel. Der Betrachter bekommt Einblick in ein fremdes Familienidyll, in eine ganz alltägliche Intimität. Die etwas grelle Farbigkeit wird ihn an die 70er Jahre erinnern, die unprätentiöse Perspektive an die Versuche eines Laien, den Augenblick der vorbeifließenden Zeit zu entreißen. In Sharon Lockharts Ausstellung im Kunstmuseum Luzern „Milena, Milena“ ist die Serie in einem der ersten Räume zu sehen, sie verteilt sich aber auch auf die folgenden Säle. Für das Verständnis der amerikanischen Künstlerin von Fotografie, wenn nicht gar von Dokumentarfotografie dürfte diese frühe Arbeit durchaus erhellend sein. Denn immer schiebt sich die Inszenierung vor die vermeintliche Wirklichkeit.

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Sharon Lockhart, Double Tide, 2009, courtesy the artist, neugerriemschneider, Berlin, Gladstone Gallery, New York and Brussels, and Blum & Poe, Los Angeles

Sharon Lockhart ist durch ihre Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Arbeitswelt bekannt geworden. So fotografierte sie 2008 die Lunchboxen von amerikanischen Werftarbeitern, jede für sich war ein Porträt ihres Besitzers. Ein Jahr später entstand die Doppelprojektion „Double Tide“, die Lockhart in ihre Heimat Maine zurückführte und die den Besucher ihrer Luzerner Einzelausstellung derzeit in der Jean Nouvel-Architektur empfängt. Wie bei ihrer Serie „Lunch Break“ so ging auch diesem 50-minütigem Film eine lange Recherche voraus. Aufgenommen wurde er während der seltenen Doppeltiden im Sommer in Seal Cove. Der zweimalige Gezeitenwechsel beschert der Muschelsammlerin an diesem Tag eine doppelte Ernte. Während sie auf der einen Seite anscheinend im Nebel verschwindet, spiegelt sich auf der anderen Projektionsseite das Morgenlicht in den Pfützen. Die immer gleichen Arbeitsabläufe – das Bücken, das Verschwinden der Hand im Schlick, das unsichtbar bleibende Greifen nach den Muscheln, das mit einem lauten Schmatzen verbundene Herausziehen der Hand, das Füllen eines kleinen Arbeitsschlitten – bilden die Klammer dieser Arbeit. Auf einer einzelnen Fotografie im nächsten Raum sieht man Muscheln, arrangiert wie ein gemaltes Stillleben auf einem Holzabsatz und vor einer dunkelbraunen Vertäfelung.

 

„Milena, Milena“ ist die letzte Station einer Ausstellungstrilogie, die in Warschau und Stockholm begonnen hat und die sich laut Pressemitteilung in Luzern der Kontextualisierung widmet. Was dies genau meint, bleibt offen. Überhaupt geizt diese Ausstellung mit Erklärungen und zieht sich hinter der Künstlerin und ihren vieldeutigen Inszenierungen von Wirklichkeit zurück. Sharon Lockhart dokumentiert auf der Folie ihres Erinnerungsvermögens, das eigene Erlebnisse ebenso einschließt wie das Kino François Truffauts oder ihr Interesse für Arbeitssoziologie. Bei einer ihrer jüngsten Arbeiten „Untitled (400 Blows)“ bezieht sich Lockhart auf Truffauts Film „Sie küssten und sie schlugen ihn“ von 1959. Hier ist es nun Milena, die aus ihrem Dorf, durch die Kiefernwälder Richtung Strand läuft und die sich nachdem sie länger auf das Wasser gestarrt hat, umdreht und uns ansieht. Obgleich das polnische Waisenmädchen Milena nicht nur einem ganzen Arbeitskomplex, sondern auch dieser Ausstellung ihren Namen gab, sind die Zeit und ihre Darstellung mindestens ein so wichtiges Thema wie die Identität und ihre Camouflage. In Lockharts Film „Four Exercises in Eshkol-Wachman Movement Notation“ aus dem Jahr 2011 sieht man eine ältere Frau, wie sie Übungen der israelischen Choreografin Noa Eshkol vor mehreren grauen Kuben tanzt. Der Film über die Exercises wird zur eigentlichen Notation. Die Wirklichkeit war noch nie die schlechteste Tarnung.    

 

Sharon Lockhart: Milena, Milena

Kunstmuseum Luzern

Europaplatz 1, Luzern

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 21. Juni 2015.




Kunstmuseum Luzern