08/05/15

Morbide Spekulationen

Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden zeigt eine Ausstellung mit Werken hochkarätiger Künstler, die der frühe Tod eint

von Seraphine Meya
Thumbnail

fruehertodbasquiat.jpg

Jean-Michel Basquiat, Amber vision, 1988, Sammlung Siegfried und Jutta Weishaupt, Foto: Sammlung Siegfried und Jutta Weishaupt, © VG Bild-Kunst Bonn 2015
Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden zeigt eine Ausstellung mit Werken hochkarätiger Künstler, die der frühe Tod eint

Zu Beginn der Ausstellung sieht man Van Goghs Rosen und Sonnenblumen an einer grauen Wand. Daneben liegen in einer Glasvitrine Merchandising Artikel mit Van-Gogh-Drucken, wie man sie in den Museumsshops in aller Welt findet. Neben den Regenschirmen und Tassen ist die Puppe mit per Klettverschluss abnehmbarem Ohr ein bestechendes Highlight dieser ironischen Vitrine. Mit einem Schmunzeln geht man weiter und stößt auf die faszinierende Arbeit von Peter Roehr. Bis zu seinem Tod im Alter von 23 Jahren schuf er ein umfassendes Werk quadratischer Bildtafeln, auf denen er seriell Bilder oder Objekte gruppierte.

Weiter hinten im ersten Saal wartet wieder ein Lacher: „Fred the Frog Rings the Bell“ von Martin Kippenberger. Der skandalöse hölzerne Frosch - seinetwegen wurden schon Ausstellungen geschlossen - hängt hier wie immer friedlich mit heraushängender Zunge am Kreuz. Die Arbeiten von Christoph Schlingensief, Gordon Matta Clark und Yves Klein reihen sich in der Kunsthalle mit anderen in das Who-is-who der Kunstgeschichte ein. Im fünften Raum dann die Arbeit „In Search of the Miraculous“ von Bas Jan Ader, der ihr Mythos vorauseilt. Der Künstler brach mit einer kleinen Segeljolle von Massachusetts auf, um den Atlantik zu überqueren. Die künstlerische Performance endete mutmaßlich tragisch, denn sein Boot wurde zehn Monate später an der Küste Irlands angespült, die Leiche des Künstlers fand man nie.

Spätestens an diesem Punkt der Ausstellung fragt man sich, ob es denn auch Künstlerinnen gab, die früh starben. Es gab sie, jedoch wurden sie weit nicht so heldenhaft gefeiert, wie ihre toten männlichen Kollegen – und auch die Preise ihrer Werke stiegen nicht ins Unermessliche. Eva Hesses „Studioworks“ nehmen einen zentralen Platz im einzigen Saal der Frauen in der Ausstellung ein. Es sind Objekte aus den für sie typischen Materialien Polyester, Glasfaser und Naturkautschuk. Man fand die Arbeiten nach ihrem Tod im Atelier der Künstlerin und wusste nichts mit dem Fund anzufangen. Waren es Skulpturen, Experimente oder Reste?

fruehetodmendieta.jpg

Ana Mendieta, Untitled (Silueta Serie, Iowa), 1980, Sammlung Daros Latinamerica Collection, Zürich, © The Estate of Ana Mendieta Collection, L.L.C. courtesy Galerie Lelong, New York


Die Nase platt gedrückt an einer Glasscheibe erkennt man die Künstlerin Ana Mendieta in ihrer Fotoserie „Untitled (Glass on Body Imprints)“. Im ersten Moment erinnerte mich die Fotografie an den Geschmack von Glas, wenn ich als Kind an schönen Schaufenstern klebte. Im nächsten Bild jedoch wird es drastischer, Lippen, Wangen und Nase sind jetzt fast zerquetscht. Neben Eva Hesse ist Ana Mendieta eine der wenigen früh gestorbenen Künstlerinnen, die Berühmtheit erlangten und deren Werk einen festen Platz im Kanon der Kunstgeschichte haben. Die Themen der Gewalt gegen Frauen, mit denen Mendieta in den 70er Jahren Aufmerksamkeit erregte, sind heute noch relevant. Auch bei den Arbeiten der leider viel zu unbekannten Annette Wehrmann sieht es nach Gewalt aus. Bilder von Sprengungen in Blumenkästen im Stadtraum zeigen eine kontrollierte Form der gewalttätigen öffentlichen Intervention. Die Arbeiten von 1995 erinnern an die gesellschaftskritischen Aktionen der Situationisten in den 1950er und 1960er Jahren.

Die Ausstellung der Toten vermacht mir außer zwei Plakaten von Félix González-Torres ein irritierendes Gefühl von einer Störung der Totenruhe. Nicht, weil die künstlerischen Arbeiten an sich zu sehen sind, sondern weil ihre Zusammenstellung in der Kunsthalle auch ein bissiger Kommentar zum Fetisch des Todes im Kunstmarkt ist. Schaulust und Mystik spielen eine Rolle bei den Preisspekulationen um die Werke von früh verstorbenen Künstlerinnen und Künstler. Es ist der Tod, der die morbide Fiktion erst anregt. Plötzlich werden Kunstschaffende zu Stars und ihre Werke zu einem Millionengeschäft. Ihr Tod lässt Spekulationen über die möglichen Höhepunkte der Kunst zu, die der Welt durch den frühen Tod entgingen. Der Tod liegt wie kaum ein anderer Filter über den künstlerischen Werken.    

Nach dem frühen Tod.

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 21. Juni 2015.




Kunsthalle Baden-Baden