19/06/12

Die Errungenschaften nicht als gegeben nehmen

Die Shedhalle Zürich sucht die Auseinandersetzung mit „The F-Word“. Ein Interview mit der Künstlerin Michaela Melián.

von Pascal Jurt

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Michaela Melián, Videostill aus der Arbeit "Sarah Schumann und Silvia Boveschen", 2012, Drei-Kanal-Videoinstallation, Courtesy the artist


Die Shedhalle Zürich sucht die Auseinandersetzung mit „The F-Word“. Ein Interview mit der Künstlerin Michaela Melián.

Es gibt sicher weniger komplexe Themen für den Party-Smalltalk als ausgerechnet Feminismus. Zu aufgeladen sind die Diskussionen um weibliche Emanzipation, zu peinlich etwaige Bekenntnisse, egal welcher Art. Die Zürcher Shedhalle hat das Thema aufgegriffen und mit Nevin Aladag (*1972), Ariane Andereggen (*1969), Alexandra Bachzetsis (*1974) und Michaela Melián (*1956) vier Künstlerinnen aus unterschiedlichen Generationen eingeladen, feministische Positionen neu zu beleuchten. Der Blickwinkel von Michaela Melián dürfte dabei ein anderer sein als der ihrer Kolleginnen. Einem größeren Publikum ist die Künstlerin durch ihre Hörspiele und Toninstallationen bekannt geworden, die sich mit der Geschichte und Formen des Erinnerns befassen. 2008 gewann sie mit ihren Wettbewerbsbeitrag „Memory Loops“ die Ausschreibung „Opfer des Nationalsozialismus. Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“ der Stadt München. Die Arbeit besteht aus 300 Tonspuren zu Orten der NS-Vergangenheit in München. Und auch in ihren Arbeiten, die für die Zürcher Ausstellung entstanden sind, geht es Michaela Melián um verborgene Spuren. Unser Autor Pascal Jurt sprach mit der Künstlerin und Musikerin („F.S.K.“) über „The F-Word“, Kanonbildung und eine feministische Genealogie.


Artline: Sie stellen zusammen mit drei Künstlerinnen in der Gruppenschau „The F-Word“ aus, die sich mit dem Feminismus befasst. Was ist Ihr Beitrag zur Ausstellung?
Michaela Melián: Ich habe lange überlegt und bin dann zum Schluss gekommen, dass ich eine neue Arbeit produzieren möchte. Gleichzeitig war es mir wichtig, Leute zu präsentieren, die einen essentiellen Beitrag zur feministischen Debatte geleistet haben. Da ich die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen schon länger kannte und sie auch über Jahre hinweg immer wieder besucht habe, wollte ich gerne etwas über die Ausstellung „Künstlerinnen international 1877-1977“ machen, die von ihrer Freundin, der Künstlerin Sarah Schumann, 1977 organisiert wurde und die in der Orangerie des Schlosses Charlottenburg in Berlin stattfand. Ich habe das zum Anlass genommen, um über Feminismus und über die Biografie, die Sarah Schumann und Silvia Bovenschen auch als Paar haben, mit ihnen zu sprechen. Das hat viel mit dem Durchsetzen bestimmter Dinge zu tun. Aber das eigentliche Thema ist, warum man von dieser Ausstellung heute gar nichts mehr weiß.

Artline: Was hat es mit dieser Ausstellung auf sich?
Melián: Immerhin handelt es sich um die erste Kunstausstellung mit ausschließlich weiblicher Beteiligung in ganz Europa. An dieser Ausstellung nahmen 265 Künstlerinnen von Louise Bourgeois, Martha Rosler über Valie Export bis zu Gabriele Münter teil. Diese Ausstellung war ja in gewisser Weise ein Meilenstein. Als Martha Rosler neulich an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg war, habe ich sie nach ihrer Beteiligung an „Künstlerinnen international 1877-1977“ befragt, sie hatte doch tatsächlich noch nie etwas davon gehört, obwohl sie im Katalog steht. Ich fand es schon sehr erstaunlich, dass sie nichts davon wusste, schließlich wurde sie dort das erste Mal in Europa ausgestellt. Die Organisatorinnen sind damals unter einem unglaublichen Aufwand durch die ganze Welt gefahren und haben die Arbeiten sogar persönlich abgeholt. Natürlich begleitet – was ja typisch für diese Zeit war – von vielen Podiumsdiskussionen und Selbstzerfleischungsprozessen.

Artline: Könnten Sie konkret etwas über Ihre Arbeiten sagen?
Melián: Ich habe Sarah Schumann und Silvia Bovenschen vier Mal in ihrer Berliner Wohnung über mehrere Stunden interviewt und dann für meine kombinierte Audio- und Videoinstallation eine einstündige Strecke geschnitten, in der die beiden die Geschichte dieser Ausstellung erzählen und auch darüber reflektieren, wie diese damals wahrgenommen wurde. Und auch, was genau passiert ist und warum sie eben nicht in den Kanon eingegangen ist. Das führte mich zu den Überlegungen: Was sind denn grundsätzlich die Errungenschaften des Feminismus? Und wie werden diese überhaupt weitergegeben? Die Ausstellung hatte ja die Aufgabe – und das ist auch gleichzeitig der Tenor unseres Gespräches – eine Traditionslinie für Frauen, für Künstlerinnen herzustellen. Die Intention der Ausstellung war, dass man auch andere Vorbilder als Männerkünstler haben oder kennen lernen könnte. Die Krux des Feminismus ist oft, dass etwas erreicht wird, aber sofort wieder von der nächsten Generation vergessen wird. Man sollte diese Errungenschaft eben nicht als gegeben annehmen, weil sie auch ganz schnell wieder wegbrechen können. Silvia Bovenschen spricht in diesem Zusammenhang von „weiblicher Geschichtslosigkeit“. Ich habe mit den beiden auch über weibliche Schönheit und eine andere Darstellung des weiblichen Körpers gesprochen. Das war damals eigentlich verboten, weil nur Männer das gemacht haben. Aber die beiden wollten damals eine andere Sprache erfinden.

Artline: In Ihren Arbeiten beschäftigen Sie sich oft mit von der offiziellen Geschichtsschreibung „vergessenen“ Positionen. Hier geht es Ihnen also explizit um eine feministische Genealogie?
Melián: Ich wollte für die Ausstellung, die ja den Titel „The F-Word“ trägt, nicht nur selbst ein cooles Statement abgeben. Sondern eine Tür aufmachen für Leute, die etwas erzählen können, was man eigentlich wissen könnte. Aber es sollte nicht nur über das Gestern geredet werden, sondern sich auch im Heute spiegeln. Ich habe zum Beispiel das neue Buch „Top Girls“ von Angela McRobbie mitgebracht. Es ist ein Besuch bei einer Generation von Aktivistinnen, die den heute diskutierten Feminismus mitprägten. Und es ist ein Besuch bei zwei Akteurinnen, die mit ihren Texten und Bildern immer noch für eine öffentliche Wahrnehmungsverschiebung eintreten.

Artline: Im zweiten Film, den Sie zeigen, sieht man eine Hand, die im Katalog der Ausstellung „Künstlerinnen international 1877-1977“ blättert. Ab und zu erscheinen Bilder von Sarah Schumann, so als schritten wir die Berliner Altbauwohnung von Silvia Bovenschen und Sarah Schumann ab. Stellen Sie auch Originalarbeiten von Sarah Schumann aus?
Melián: Das wollte ich nicht, ich wollte das vermittelt darstellen. Ich fand diese Riesenschinken von Sarah Schumann, die ich in ihrer Wohnung gesehen habe, super interessant. Ich musste auch sofort an die Arbeiten von Amelie von Wulffen oder von Jochen Klein, den verstorbenen Freund von Wolfgang Tillmans denken. Ihre Bilder sind auch sehr süßlich, zeigen oft junge Menschen, die in Aquarelltechnik übermalt wurden. Bei Amelie von Wulffen geht es sicherlich verstörender zu. Sarah hat Fotos von Freundinnen, wie Silvia Bovenschen oder Helke Sander, Bilder der Sammlung Magnus Hirschfeld und Architekturfotos aus dem zerstörten Nachkriegsdeutschland montiert und übermalt. Oft wird es unglaublich verkitscht und opulent. Und diese Bilder von Schumann befinden sich total zwischen den Stühlen. Es passte auch nicht in diese „wilde Malerei“, die damals Ende der 70er langsam losging. Sarah Schumann ist einfach nicht da angekommen, wo sie hätte sein können. Sie hat als Künstlerin, wie viele ihrer Zeitgenossinnen, nie die große Anerkennung erhalten. Ihre Collagen waren selbst für die Frauenbewegung zu provokativ in ihrer Bejahung von weiblicher Erotik und Schönheit.

The F-Word: Gruppenschau mit Michaela Melián, Nevin Aladag, Ariane Andereggen und Alexandra Bachzetsis. Shedhalle
Seestr. 395, Zürich.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 22. Juli 2012.

Michaela Melián. Galerie Barbara Gross
Thierschstr. 51, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.30 Uhr.
15. Juni bis 28. Juli 2012.

Michaela Melián zu Gast in der Hörbar Freiburg mit „Speicher“ (Hörspiel des Jahres 2008) und anschließender Diskussion, Alter Wiehrebahnhof, Kinosaal, Urachstr. 40, Freiburg. 21. Juni 2012, 20.00 Uhr.

Shedhalle Zürich

Galerie Barbara Gross

Literaturbüro Freiburg