06/04/15

Ereignis Ich

Im Aargauer Kunsthaus ist Miriam Cahns Ausstellung „körperlich – corporel“ zu sehen

von Annette Hoffmann
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Miriam Cahn, schnell weg!, 11.12.2013, Courtesy Meyer Riegger Berlin/Karlsruhe & Galerie Jocelyn Wolff, Paris

Im Aargauer Kunsthaus ist Miriam Cahns Ausstellung „körperlich – corporel“ zu sehen

Es müssen gute Zeiten für Miriam Cahn sein. Denn es ist durchaus etwas Besonderes, wenn sie jetzt als 65-Jährige mit Auszeichnungen wie dem Basler Kunstpreis 2013 und im Jahr darauf mit dem Oberrheinischen Kunstpreis geehrt wird und von Kuratorinnen wie Anja Casser vom Badischen Kunstverein oder der Direktorin des Aargauer Kunsthauses Madeleine Schuppli wieder entdeckt wird nach Jahren, in denen die Künstlerin alles andere als präsent war. Miriam Cahn gehört zu jenen – es sind nicht selten Künstlerinnen – deren Werk einer solchen aufgefrischten Rezeption standhält. Cahns Malerei ist im besten Sinne eigenständig. Ihre Ausstellung im Aargauer Kunsthaus „körperlich – corporel“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Pariser Centre culturel suisse und trägt die Handschrift Cahns, die ihre Arbeiten selbst gehängt hat.

Mag es in den 1980er Jahren vor allem der Feminismus und ihre Reaktionen auf die Aufrüstung gewesen sein, die das Werk der Künstlerin derart zeitgenössisch wirken ließ, so ist es heute das Gefühl einer existentiellen Krise, das wir in ihrem Oeuvre gespiegelt sehen. 2013 etwa malt sie ein Paar mit zwei Kindern vor einem bläulich-grünen Hintergrund. Die Körper des einen Erwachsenen und eines der Kinder sind hellrosa, als sei ihnen die Haut abgezogen und als gäbe es keinen Schutz vor der Außenwelt. Dass im Hintergrund das Rot wie Flammen leckt, macht die Situation keineswegs beruhigender. Der Titel „Schnell weg!“ beschreibt nichts weniger als einen Fluchtimpuls. Im gleichen Jahr ist mit „Im Bunker“ ein Bild entstanden, auf dem eine Reihe von verängstigten Menschen und Tieren ganz an den unteren Rand gedrückt sind. Über ihnen erhebt sich eine grüne, nach oben hin heller werdende unbestimmte Fläche. Was die eigentliche Bedrohung ausmacht, kann nicht in Worte gefasst werden, sie bleibt spürbar.

Das Biografische, das sich Mitte der 1980er Jahre in feministisch und gesellschaftspolitisch beeinflussten Werken wie „Blutungsarbeiten“ und „strategische orte“ ausdrückte, findet nun unmittelbar im eigenen Leben sein Material. Im Jahr 2002 geht sie mit ihrer Serie „Ritual“ auf den Tod ihres Vaters ein. Im Aargauer Kunsthaus sind die knapp 20, innerhalb von sechs Wochen entstandenen Bildern nun in einem Raum zu sehen. Von Werk zu Werk folgt man der Entwicklung. Cahn ist nicht an einem Naturalismus des Todes interessiert. Sie rückt das Gesicht, das wie die meisten bei Miriam Cahn von innen zu glühen scheint, die Gestalt, in den Mittelpunkt, Blumenbilder wechseln sich mit diesen Körperbildern ab, unter denen auch ein „gesù nach pasolini“ zu finden ist. Allgemeinmenschliches, wenn nicht gar Transzendentes scheint durch das Biografische durch. Und auch ihr schwerer Unfall vor einem Jahr ist längst Kunst geworden. Auch diesem widmet sie einen ganzen Raum. Aus der Erstarrung des Schreckens, aber auch der medizinischen Therapie arbeitet sie sich mit ersten Arbeiten heraus, die noch ganz vom geringen Bewegungsradius der Künstlerin bestimmt sind, bis sie wieder zum Souverän ihres Werkes wird. Eines der letzten Arbeiten dieser Serie „Ereignisich“ ist jedoch ein Schaf, das im Profil dargestellt ist und dessen Auge etwas folgt, das hinter ihm liegt. Die Vergangenheit kann man hinter sich lassen, doch vergangen ist sie nicht.

 

Miriam Cahn, körperlich – corporel.

Aargauer Kunsthaus

Aargauerplatz, Aarau.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 12. April 2015.

 

 

 

 

 

 

 




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