02/04/15

Flirt mit dem Banalen

Das Kunstmuseum St. Gallen widmet dem ehemals jungen Wilden Andreas Schulze eine kurzweilige Einzelausstellung

von Florian Weiland
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Andreas Schulze, o.T. (Gestrandete Krake), 2013, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Foto: Stefan Rohner

Das Kunstmuseum St. Gallen widmet dem ehemals jungen Wilden Andreas Schulze eine kurzweilige Einzelausstellung

Andreas Schulze malt nie Menschen. Seine farbenfrohen, ausgesprochen plastisch wirkenden Gemälde zeigen banale Alltagsgegenstände, die zu monumentalen Gebilden aufgeblasen werden. Er halte ihn für den „weltbesten Erbsenmaler“, meinte einmal sein jüngerer Malerkollege Gunter Reski. Womit wir beim Stichwort Ironie wären. Schulze, 1955 in Hannover geboren und seit 2008 Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf, gehörte einst zu den „jungen Wilden“. Wild oder gar subversiv sind seine neueren Arbeiten nicht. Schulze ist längst gezähmt, gibt sich aber noch immer wunderbar verspielt, die feine Ironie seiner Bilder wird nicht selten von einem unübersehbaren – gewollten – Kitschfaktor überlagert.

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Andreas Schulze Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Foto: Stefan Rohner

Doch Schulze kann auch anderes als malen. Seine Skulpturen und Installationen sind nicht weniger plakativ als seine Bilder. Da werden Keramikköpfe, die dem Konterfei des Künstlers nachgebildet sind, zu Blumentöpfen, während nos­talgisch anmutende Stehlampen an riesige Spielfiguren erinnern. Es finden sich auch Bezüge zur Kunstgeschichte. Die berühmte Fettecke von Joseph Beuys verwandelt sich bei Schulze in eine schmuddelige, mit Teppich ausgekleidete „Dreckecke“. Eine augenzwinkernde Hommage. Und in den Lampenschirmen kann man nicht nur ein Wohnaccessoire, sondern auch einen Verweis auf das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer sehen. Die Bilder dagegen sind nicht nur stilistisch schwieriger einzuordnen. Fernand Léger spielt ohne Frage eine wichtige Rolle. Die Farben sind poppig, die Motive surreal verfremdet. Blumen werden zu blauen Kegeln und gelben Kugeln reduziert. Mal gleicht ein Blütenkelch einem Lampenschirm, mal einer Windmühle. Schulz liebt den Flirt mit dem Banalen. Seine Bilder öffnen das Tor zu einer sehr eigenen, uns trotzdem seltsam vertrauten Welt. „Ohne Titel (Sonnenhimmel)“ wird, gerahmt von einem wulstartigen Bogen, zu einer Theaterbühne. Der Künstler arrangiert Früchte und Putzutensilien zu einem Stillleben. Ein mobiles Solarium ersetzt die Sonne. Der Stecker ist gezogen. Geradezu poetisch wirken die drei großformatigen Bilder im linken Seitensaal des Museums. Runde und rechteckige Flächen strahlen vor dunklem, nachtblauem Hintergrund. Auch die Wand, auf der die Bilder hängen, ist dunkel gestrichen. Assoziationen zu einem Sternenhimmel kommen einem in den Sinn. Kunstkenner mögen sich an supprematistische Formstudien erinnert fühlen. Die Auflösung ist viel profaner: Schulze hat lediglich Autolichter gemalt und in ein magisches Leuchten verwandelt.

In den neuesten Arbeiten, die aus dem Jahr 2014 stammen, beschäftigt sich Schulze malerisch mit dem flüchtigen Medium Luft. Die Bilder haben eine überraschend geometrische Grundstruktur. In Form von bedrohlichen Rauchwolken entströmt die Luft den Öffnungen einer gebogenen, metallischen Form. Ein Autoauspuff? Auch aus dem Mauerwerk eines so gar nicht idyllischen Bauernhofbildes entströmt eine Abgaswolke. Schulze hat diese Rauchwolken nicht gemalt, sondern auf seine Bilder aufgesprayt. Ein spannendes Nebeneinander verschiedener malerischer Oberflächen. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist das großformatige, dreiteilige Gemälde „Nebel im Wohnzimmer“. Flüchtig gesprayte Dunstwolken in giftigen Gelb-, Grün- und Rottönen wabern durch den Raum. Das hat etwas Gespenstisches.

Spielerisch führt Schulze Elemente zusammen, die in Stil und Motivik unterschiedlicher nicht sein könnten. Er versucht den Spagat zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Die Wellen des Meeres werden zu zackigen Bergspitzen, Regentropfen zu einem Pfeilhagel. Ein gestrandeter Krake streckt seine Tentakel aus, die wiederholte Kombination von Baumstämmen, Stahlträgern und Knoten geben uns Rätsel auf. Campingwagen, die in der Luft zu schweben scheinen, im mondänen Badeort Portofino. Und immer wieder Fensterausblicke. Wulstige Fensterrahmen. Der Ausblick selbst dagegen austauschbar, gleich ob es sich um Kassel, London oder das sizilianische Taormina handelt. Auch das ist eine Aussage.         

Andreas Schulze: Nebel im Wohnzimmer.

Kunstmuseum St. Gallen

Museumstr. 32, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr. Bis 17. Mai 2015.

Ein Katalog zur Ausstellung ist erschienen bei Strzelski Books, Stuttgart 2014, 112 S., 28 Euro | 38 Franken.

 




Kunstmuseum St. Gallen