20/06/12

Leerstellen der Wahrnehmung

Das Kunsthaus Baselland zeigt die Einzelausstellung "Schnitt A-A'" von Sofie Thorsen.

von Annette Hoffmann
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Eine Landschaft, die von den Menschen, die in ihr leben, als Abstufungen von Grau wahrgenommen wird – verliert sie ihre Farbe? Der Wind streicht über ein Feld, die Bewegung lässt vom Getreide mehr erahnen als eigentlich zu erkennen ist. Wie Schneeflächen sieht das aus, eine Gruppe von Kiefern hebt sich schwach gegen den Himmel ab, dann wieder ist eine Art Lichtfleck im Fokus, es scheint, als bewegte er sich wie ein Organismus, als wechselte er ständig seine Gestalt. Es ist jedenfalls nicht die Farbe allein, die Schönheit in die Welt bringt. In ihrer Arbeit „The Achromatic Island“ hat Sofie Thorsen (*1971) eine Bildsprache für das Phänomen der Farbenblindheit gesucht. Als Vielzahl von Schatten beschreibt einer der Bewohner der dänischen Insel Fur seine Seheindrücke. Dort häuften sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Fälle der Erbkrankheit Achromatopsie. Thorsen hat mit dem letzten Inselbewohner gesprochen, der an dieser Genanomalie leidet, die mit einer hohen Lichtempfindlichkeit einhergeht. Seine Erzählungen legen sich über die überbelichtet wirkenden Aufnahmen. Ähnlich grobkörnig sind die Fotografien, die auf langen Tischen im Kunsthaus Baselland einander überlappend liegen. Die Wirtschaftsgebäude, die Kiefern, die Heidelandschaft kennt man bereits aus dem Film, nun werden sie mit einfachen Schreibtischlampen ausgeleuchtet.


Sofie Thorsen macht in ihren Werken augenfällig, was wir übersehen, was uns entgeht. Die eigentümliche Wahrnehmung von Farbenblinden übersetzt sie in Bilder, die sich auf Grautöne beschränken und die wie ausgewaschen aussehen. Aus vergrößerten Aufnahmen von Spielplätzen hat sie die Geräte, auf denen Kinder sitzen, ausgeschnitten, deren Reste hängen herunter und ziehen die großformatigen Bögen zusammen, die von der Decke hängen. Über die Art der Spielgeräte, die die Stadt Wien bei verschiedenen Künstlern nach dem Zweiten Weltkrieg in Auftrag gab, kann man nur spekulieren. Manchmal lassen die Leerstellen auf Klettergerüste schließen, dann glaubt man Flächen und Volumen zu erkennen. Bunte Stangen, die im Kunsthaus Baselland vom Boden zur Decke reichen, geben eine Ahnung von ihrem Aussehen. Die Geräte wurden längst von den Wiener Spielplätzen verbannt. Der Wunsch, dass Kinder im Spiel Leben und Ästhetik verbinden, hat sich nicht verwirklicht. Eine andere verlorene Utopie folgt Sofie Thorsen in ihrer Arbeit „Schnitt A-A’“, deren Titel sich aus der Architektur ableitet. Die Installation setzt sich aus einem Film zusammen, der das an die Nationalgalerie Bratislava angegliederte Kino, erkundet und einer langen Reihe von Zeichnungen, die das Gebäude in Schlagschatten wiedergibt. Während das Licht des Filmes die Details des Raumes ausleuchtete, macht es nun das Kino mitsamt Türen und Fenstern als zweidimensionalen Schattenwurf sichtbar. Was einem Werk der konkreten Kunst ähnelt, markiert nicht zuletzt die Differenz zwischen Wirklichkeit und ihrer Repräsentation im Werk.

Sofie Thorsen
Kunsthaus Baselland

St. Jakob Str. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 15. Juli 2012.
Kunsthaus Baselland