26/03/15

Wem gehört die Geometrie?

Der belgische Künstler Vincent Meessen verschränkt in der Kunsthalle Basel Abstraktion mit Kolonialgeschichte

von Annette Hoffmann
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Vincent Meessen/Thela Tendu, Installationsansicht "Patterns for (Re)cognition, Kunsthalle Basel, 2015, Foto: Philipp Hänger

Der belgische Künstler Vincent Meessen verschränkt in der Kunsthalle Basel Abstraktion mit Kolonialgeschichte

Unbehagen stellt sich ein. Ein Mann in khakifarbener Tropenjacke macht sich Notizen, während ein junger Schwarzer an einem Tisch mit abstrakten Formen hantiert. Die Prüfungssituation wird in drei weiteren Videosequenzen variiert. Mal besteht die Aufgabe darin, das passende Pendant der Formen zu finden, mal zwischen zwei- und dreidimensionalen Strukturen zu unterscheiden. Immer jedoch ist die Hierarchie klar: Der Europäer befindet über die logischen Fähigkeiten des Afrikaners. Nicht grundlos bezieht sich der Titel von Vincent Meessens/Thela Tendus Ausstellung in der Kunsthalle Basel auf dieses Found Footage. Die 16-mm-Filmsequenzen von Robert Maistriaux‘ „The Mental Level of Black Folk“ sind Prolog und Quintessenz von „Patterns for (Re)cognition“. Der belgische Widerstandskämpfer Maistriaux, der sich nach dem Krieg in Belgisch-Kongo niederließ und dort unter anderem als Verwalter einer Palmölfabrik arbeitete und sich auch in sozialen Projekten engagierte, filmte 1953 psychologische Untersuchungen, die auf den kognitiven Tests des französischen Psychologen André Ombredane beruhten. Diese wenigen Minuten Filmmaterial zeigen die geistigen Voraussetzungen für den Kolonialismus.

Bereits seit geraumer Zeit befasst sich Vincent Meessen (*1971) mit der europäischen und nicht zuletzt belgischen Geschichte in Afrika. Meessen, der in Baltimore geboren wurde und in Brüssel lebt, bindet dieses gefundene Filmmaterial in Basel in abstrakte Paravents und Displays ein als gelte es den Anderen in die eigene Formsprache zu zwängen. Doch wem gehört diese überhaupt?

Die abstrakten geometrischen Figuren, die die Überlegenheit des Westens und der Moderne zu behaupten scheinen, finden sich auch in den Aquarellen und Tuschearbeiten des kongolesischen Malers Thela Tendu (ca. 1890-1960). Es sind traditionelle Muster aus der Kuba-Zeit, die Tendu angeregt durch belgische Beamte auf Papier malte und signierte. Tendu säumte auch figurative Szenen wie tanzende Frauen oder Begegnungen mit dem Militär mit Rauten- und Kreismuster.

Vincent Meessen richtet die gesamte Ausstellung auf diese geometrischen Formen aus. Sie spiegeln sich in der kreuzweisen Anordnung der Tonbandgeräte der Audioarbeit „Sampling the Man of Memory“, aber auch in dem metallisch glänzenden Gittermuster von „Negation of the Inverted Figure of the Same“ im letzten Raum wider. Und auch hier scheint Thela Tendu Pate zu sein. So wie dieser in unzähligen Pseudonymen seinen Namen variiert, was in „Autopoietic Renaming (machinic transcript)“ zum Thema wird, so spielt Meessen diese Formen durch. Das gibt dieser Ausstellung nicht nur eine Struktur, sondern macht auch Meessens Rolle als Kurator transparent, die einerseits von Respekt geprägt ist, andererseits darüber reflektiert, dass Ausstellungsmachen auch immer etwas mit Aneignen zu tun hat. Im Sommer wird Meessen, der Journalismus und Cultural Policies studiert hat, auf der 56. Biennale von Venedig den belgischen Pavillon in einer Kollaboration mit anderen Künstlern bespielen.

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Vincent Meessen/Thela Tendu, Installationsansicht "Patterns for (Re)cognition, Kunsthalle Basel, 2015, Foto: Philipp Hänger

In einer Art offenen Vitrine kombiniert Meesse Faltobjekte mit rituellen Objekten aus der Zeit des Königreichs Kuba. Die Blätter sind Reproduktionen von Ansichten einer Klee-Ausstellung, die 1967 in der Kunsthalle stattfand. Wie Henri Matisse so sammelte auch Paul Klee Stoffe aus der Kuba-Zeit. An den Wänden hängen an geometrisch wirkenden Halterungen silbern schimmernde Aufnahmen von Rückseiten der Bilder Tendus, die ein akkurates, gefalztes Zickzackmuster aufweisen und zeigen, wie genau der kongolesische Künstler seine Werke anlegte. „Patterns for (Re)cognition“ ist eine Ausstellung, der jede Form der Beliebigkeit abgeht und dennoch den Gedanken Freiraum gibt. Und sie ist ein viel versprechender Einstand der neuen Leiterin der Kunsthalle Basel Elena Filipovic.      

Vincent Meessen / Thela Tendu: Patterns for (Re)cognition.

Kunsthalle Basel

Steinenberg 7, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 25. Mai 2015.

 

 




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