31/03/15

Das Gedächtnis der Nase

Es duftet, qualmt und stinkt: Das Museum Tinguely zeigt Kunst, die den Geruchssinn anspricht

von Florian Weiland
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Ernesto Neto, Mentre niente accade/While nothings happens, 2008, Installationsaufnahme im Museum Tinguely, Basel, © 2015 Museum Tinguely, Basel, Foto: Stefan Holenstein

Es duftet, qualmt und stinkt: Das Museum Tinguely zeigt Kunst, die den Geruchssinn anspricht

Wie riecht Paris? Marcel Duchamp (1887-1968) suchte einmal für einen New Yorker Freund ein besonderes Geschenk. Der war so reich, dass er sich alles leisten konnte, aber ihm fehlte die Zeit, nach Paris reisen zu können. So kam Duchamp auf die Idee, Pariser Luft in einer kleinen Ampulle einzuschließen, die jetzt im Basler Museum Tinguely zu sehen ist. Wohlgemerkt zu sehen, denn sie ist verschlossen, das Gut, das sie enthält  immateriell und flüchtig. So bleibt es den Besuchern überlassen, sich auszumalen, wonach die Metropole an der Seine wohl geduften haben mag. Die Kunstschaffenden der Gegenwart, die im Fokus der Ausstellung „Belle Haleine“ stehen, sind da weniger zurückhaltend. Sie konfrontieren den Besucher in ihren Arbeiten mit Gerüchen, die nicht immer angenehm sind. Diese Ausstellung ist nichts für empfindliche Nasen.

Zum Auftakt gibt es zunächst nochmals einen kurzen Abstecher in die Kunstgeschichte. Druckgrafiken aus der Barockzeit betonen die animalische Seite des Geruchssinns, der sich der Kontrolle der Ratio entzieht. Liebespaare lassen sich von duftenden Blüten betören. Gerüche können verführen. Zur hemmungslosen Wollust ist es nicht mehr weit. Es gibt auch die andere Seite. Gerüche, die abstoßen. So zeigt ein Druck aus dem 17. Jahrhundert einen Mann, der seine Notdurft verrichtet. Es ist nicht das einzige Kunstwerk, in dem es um Fäkalien geht. Auch Piero Manzonis (1933-1963) legendäre „Merda d'artista“ darf in dieser Ausstellung natürlich nicht fehlen. Der Italiener ließ Anfang der 1960er Jahre seine Exkremente in Konservendosen verpacken. Die Frage, wie der Inhalt einer dieser Dosen heute aussieht und wie er riecht, wird durch Bernard Bazile (*1952) beantwortet, der eine von Manzonis Dosen öffnete. Wer wagt es, seine Nase an die Duftlöcher der Vitrine, in der die geöffnete Dose steht, zu halten?

„Belle Haleine“ spielt mit unserem Geruchsgedächtnis. Auch wenn bei mehreren Arbeiten nichts (oder nichts mehr) zu riechen ist, genügt manchmal die bloße Vorstellung und der Ekel stellt sich ein. Eine Zeichnung von Louise Bourgeois (1911-2010) etwa erinnert an den unangenehmen Geruch von Schweißfüßen. Aber auch Wohlgerüche können ins Gegenteil umschlagen. So lädt Valeska Soares (*1957) dazu ein, sich entspannt auf ihrer „Fainting Couch“ auszustrecken, die einen intensiven Lilienduft verströmt. Nach kurzer Zeit schon ist es zu viel des Guten – der hochkonzentrierte Blumengeruch betäubt die Sinne. Dieter Roth (1930-98) dagegen, der sich selbst als „Saboteur des Schönen“ bezeichnete, verwendet in einer Arbeit Urin und Pudding. Sissel Tolaas (*1961) ergründet, ob man Angst riechen kann, während Meg Webster (*1944) in ihrem King-Size Bett aus Moos auf den fauligen Geruch feuchten Waldbodens setzt und Anna-Sabina Zürrer (*1981) versucht, den typischen Duft des angrenzenden Solitude-Parks einzufangen. Den radikalsten Weg wählt Clara Ursitti (*1968), die ihre Genitalsekrete in Alkohol und Kokosnussöl auflöst, um daraus ein Parfum zu kreieren. Eine Arbeit, die das noch immer existierende Tabu gegenüber den physiologischen Prozessen des weiblichen Körpers thematisiert. Dass Menschen Gerüche letztlich individuell sehr verschieden wahrnehmen, belegt die griechische Künstlerin Jenny Marketou (*1954)  in ihrer Videoarbeit „Smell you, smell me“.

Am eindrucksvollsten aber sind die großen, raumgreifenden Installationen dieser Schau. Jean Tinguelys (1925-1991) olfaktorische Rauchmaschine etwa, die den Geruch von stinkenden Abgasen mit dem hochkonzentrierten Duft von Maiglöckchen vermengt – oder im Untergeschoss die Nebelmaschine von Cars­ten Höller (*1961) und François Roche (*1961), die, obwohl sie lediglich geruchlose Dämpfe ausstößt, buchstäblich die Sinne vernebelt. Für die Installation von Cildo Meireles (*1948)  muss man sogar eine Atemmaske überziehen. Gesundheitsgefährdend ist auch die „Smoking Machine“ von Kristoffer Myskja (*1985). Freilich nur für den Betrachter. Der  Maschine selbst schadet der permanente Zigarettenkonsum nicht. 

 

Belle Haleine. Der Duft der Kunst

Museum Tinguely Basel

Paul Sacher-Anlage 2, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 17. Mai 2015.

Am 17. und 18. April 2015 findet ein interdisziplinäres Symposium zu Ausstellung statt, u.a. mit einer Performance von Bruno Jakob und einem Vortrag von Sissel Tolaas.

 




Museum Tinguely