30/03/15

Das kommt vor

Der Regisseur Boris Nikitin hat aus seinem Interesse für das Dokumentarische ein Festival gemacht

von Annette Hoffmann
Thumbnail

baslerdokumentartagerealparty.jpg

Rabih Mroué, Riding on a Cloud, © Joe Namy

Der Regisseur Boris Nikitin hat aus seinem Interesse für das Dokumentarische ein Festival gemacht

Das Spektrum der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler der Basler Dokumentartage ist breit und international. So wird die Performance „Riding on a cloud“ von Rabih Mroué ebenso zu sehen sein wie Arbeiten von Tim Etchells und Gintersdorfer/Klaßen, während das Museum für Wohnkultur das „Museum of Broken Relationships“ beherbergt. Annette Hoffmann sprach mit dem 1979 geborenen Basler Boris Nikitin über das Dokumentarische.

 

Artline: Das Öffentliche sei eine Konstruktion, schreiben Sie im Vorwort des Programmes der Basler Dokumentartage. Ließe sich das nicht auch vom Dokumentarischen behaupten?

Boris Nikitin: Absolut. Das Dokumentarische hat eigentlich sehr viel mit Öffentlichkeitsbildung zu tun. Wenn sich jemand auf eine Bühne stellt und aus seinem Leben berichtet, geht es darum zu sagen, so etwas kommt vor, auch ich habe Anspruch auf Teilhabe. Das sind Ausschnitte aus der Wirklichkeit, die im Mainstream nicht vorkommen. Grundsätzlich kann jeder an dieser Öffentlichkeit partizipieren, er muss aber diesen Sprechakt vollziehen.

 

Artline: Wieviel Inszenierung steckt im Dokumentarischen?

Boris Nikitin: Das Dokumentarische hat sehr viel mit Inszenierung zu tun. Gerade der Dokumentarfilm hat dies schon sehr früh reflektiert. Der Schnitt, die Perspektive, all das schließt schon viel aus. Aber auch Künstler wie Rabih Mroué tun dies. Er thematisiert, dass alles, was er zeigt, auch fiktiv sein könnte. Mroué zieht seine Auseinandersetzung mit dem Dokumentarischen aus der Propaganda des Libanonkrieges, in dem beide Parteien Wirklichkeit für sich behaupteten. Viele der libanesischen Künstler haben vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges angefangen zu arbeiten.

Aber es gibt auch andere Fälle. Ich glaube der Rezipient schaltet die Behauptung, das sind echte Leute und echtes Leben schnell aus. Das betrifft auch die Presse, auch Zeitungen sind inszeniert. Der Grat zwischen Propaganda und Dokumentation ist äußerst schmal. Es ist ein Spiel, an dem man partizipieren kann.

 baslerdokumentartageriding.jpg

Rabih Mroué, Riding on a Cloud, © Joe Namy

Artline: Während der Basler Dokumentartage ist das Museum of Broken Relationships in Basel zu sehen. Dort werden keine Fakten, sondern Gefühle ausgestellt. Wie geht das zusammen?

Boris Nikitin: Die Menschen thematisieren anhand eines realen Objektes ein persönliches Ereignis, das real stattgefunden hat. Es geht um das Echte, der Gegenstand ist eine Art Ready-Made. Begleitet werden sie durch viele Kollateralnarrative. Gerade in Zagreb gab es viele Trennungsgeschichten wegen des Bürgerkrieges. Man merkt, wie das Politische in das Gefühlsleben einwirkt.        

 

Basler Dokumentartage

Kaserne Basel, Roxy Birsfelden, Museum für Wohnkultur und Theater Basel.

15. bis 19. April 2015.

 

 

 




Basler Dokumentarttage