27/03/15

Entfesselte Systeme

Das Haus Konstruktiv nimmt eine Retrospektive von Vera Molnár zum Anlass einer Gruppenschau über das kreative Potenzial der Störung

von Dietrich Roeschmann
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Vera Molnár, on se promène, 1988/2015, Installationsansichten Haus Konstruktiv, Zürich, Foto: Stefan Altenburger

Das Haus Konstruktiv nimmt eine Retrospektive von Vera Molnár zum Anlass einer Gruppenschau über das kreative Potenzial der Störung

In einem der kleinen Säle des Zürcher Haus Konstruktiv sieht es derzeit aus wie in einem Club, kurz bevor die Türsteher die ersten Gäste einlassen. Unter der Decke flimmern die Schwarzlichtröhren, an den Wänden glüht ein Fries aus irren Zickzack-Mustern, die fiebrig-violette Dämmerung macht angenehm benommen. Nur die Bar hat Vera Molnár leider vergessen. Aber die 91-Jährige hatte wohl anderes im Kopf, als sie dieses Kabinett einrichtete: Vermutlich einen dieser Algorithmen, die sich die in Ungarn geborene, in Paris lebende Künstlerin seit Ende der Fünfziger ausdenkt, um aus ihnen immer neue Serien konkret-konstruktivistischer Zeichnungen zu entwickeln.

Formelbasierte Kunst? Zugegeben, das klingt nicht wirklich sinnlich. Auch dann nicht, wenn man sich das Kribbeln des Aufbruchs dazu vorstellt, das Molnars erste Ausstellungen mit computergenerierten Plots beim Publikum hervorgerufen haben dürften: Perfekt berechnete Ordnungen von Kreisen, Linien oder Quadraten, die sie durch winzige, aber gezielte Bugs aus dem Tritt brachte. Das war 1968 und die Welt hatte bis dahin noch keine Computerkünstlerin gesehen. Das Publikum staunte, aber es fragte sich auch: Was ist hier eigentlich die Kunst? Dass Molnar als wohl einzige Künstlerin ihrer Zeit die Programmiersprache „Fortran“ beherrschte und mit ihr umging wie andere mit dem Pinsel? Dass sie per Rechner und Plotter ein Bildprogramm entwickelte, das auf der Idee des Loops basierte und prinzipiell unendlich reproduzierbar war?

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Pe Lang, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2015, Foto: Zürcher Hochschule der Künste

Tatsächlich war Molnár eine der ersten, die den Möglichkeitsraum des Bildes mit den Mitteln der Informatik erforschte. Eine Gratwanderung zwischen Konkreter Kunst und der Wissenschaft bildgebender Verfahren. Dass sich der Schauwert vieler dieser Arbeiten heute eher in Grenzen hält, kann jedoch auch die mit rund 80 Werken reich bestückte Zürcher Retrospektive kaum verbergen. Vor diesem Hintergrund war es eine kluge Entscheidung, Molnars Kunst der Ordnung und manipulierten Ableitung mit ihrer leuchtenden Wandinstallation „on se promène?“ – basierend auf einer Computerzeichnung von 1988 – exemplarisch in den Raum zu erweitern. Die flirrenden Linien, die hier unter Schwarzlicht in einer wilden Kettenreaktion über die Wand jagen, könnten ebenso gut als Bewegungsdiagramm einer Testperson durchgehen, die ohne Orientierung durch einen endlosen Korridor stolpert – ein schönes Bild für die eigenwillige Dynamik des kontrollierten Chaos. Zugleich bildet „on se promène?“ als Erfahrungsraum ein starkes Bindeglied zu der Gruppenschau „Quantum of Disorder“, die – inspiriert von Molnárs Arbeiten und parallel zu ihrer Retrospektive zu sehen – dem kreativen Potenzial des Systemfehlers nachspürt, der seine eigenen Ordnungen generiert. Dass diese heute sinnlicher ausfallen als noch in der digitalen Steinzeit der Sechziger, liegt auf der Hand. Überraschend ist dann aber doch die fast burleske Vielfalt chaotischer Prozesse, die die strategische Partnerschaft von Kunst und Wissenschaft hier in Gang setzt. Während der ungarische Künstler Attila Csörgö (*1965)  eine ausrangierte Werkbank zu einer Art mechanisch animiertem Marionettentheater umfunktioniert hat, in dem sich ruckelnde Holzstäbchen wie von Zauberhand zu immer neuen geometrischen Körpern fügen, dröhnt aus dem Nebenraum das sonore Störgeräusch zweier Monitore, ausgelöst von gigantischen Magneten, die Carsten Nicolai (*1965) darüber als Pendel montiert hat. Auch das weiße Reliefbild, das Pe Lang (*1974) in der Eingangshalle von der Decke hängen lässt, ist riesig und ständig in Bewegung. Aus einzelnen Papierbahnen zusammengefügt und auf ein Netz rotierender Drähte gespannt, schwebt es wie eine leise knisternde Gletscherwand in der Mitte des Saales, deren Oberfläche nie zur Ruhe kommt. Die spektakulärste Inszenierung entfesselter Ordnung aber gelingt hier Peter Kogler (*1959). Seine raumfüllende Digitalprojektion von sich auflösenden Gitterstrukturen erzeugt erst Schwindel, dann einen Anflug von Übelkeit – und bestätigt damit zugleich, dass wenigstens auf ein System noch Verlass ist: das des menschlichen Körpers.     

 

Vera Molnar: (Un)Ordnung, (Dés)Ordre. / Quantum of Disorder.

Haus Konstruktiv

Selnaustr. 25, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 10. Mai 2015.

 




Haus Konstruktiv