24/03/15

Die Macht des Ornamentalen

In der Villa Stuck blickt die sehenswerte Ausstellung "Common Grounds" auf die Golf-Region

von Roberta De Righi
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Ahmed Mater, Al Mansur District, 2012, Courtesy the artist and Athr Gallery, Jeddahcommongroundsmekka.jpg

In der Villa Stuck blickt die sehenswerte Ausstellung "Common Grounds" auf die Golf-Region

Hier ist Ornament, frei nach Adolf Loos, wirklich Verbrechen: In Parastou Forouhars (*1962) Wandarbeit „Zeit der Schmetterlinge“ sind Schönheit und Schrecken miteinander verwoben. Die im Iran geborene, in Deutschland lebende Künstlerin entwarf ein Schmetterlingsmuster, dessen Details sich auf den zweiten Blick als blutige Mord-, Folter- und Gefängnis-Szenen enthüllen. Die höllisch-dekorative Tapete ist eine Hommage an ihre Eltern Dariusch und Parvaneh, die 1998 im Iran ermordet wurden. Der Name ihrer Mutter heißt übersetzt „Schmetterling“.

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Parastou Forouhar, Zeit der Schmetterlinge, 2014, Foto: Nikolaus Steglich

Forouhar offenbart die bezwingende Macht des Ornamentalen derzeit an der Wand im Ateliertrakt der Münchner Villa Stuck. Ihre Arbeit ist Teil der unbedingt sehenswerten Ausstellung „Common Grounds“, die Verena Hein für das Museum kuratiert hat. Dafür trug sie Filme, Foto-Arbeiten, Installationen, Skulpturen und Gemälde von zwölf Künstlern bzw. -kollektiven zusammen, die aus den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens stammen. Bis auf den Fotografen und Arzt Ahmed Mater (*1979) leben sie allerdings alle längst im Exil. „Common Grounds“ ist der Kommunikationswissenschaft entlehnt und meint den „gemeinsamen Wissensraum“, auf dessen Basis sich Gesprächspartner verständigen können. Dieser Titel wiederum kann als Frage, Behauptung und Forderung zugleich verstanden werden. Doch wer sind hier die Gesprächspartner – „wir“ und „die Anderen“? Die Konturen sind, wie die Biografien aller Beteiligten zeigen, verwischt. Und jeder dieser Künstler agiert als Individuum, nicht als Vertreter eines Landes, sei es westlich geprägt, arabisch oder persisch.

Manche der Exponate fußen auf Traditionen der islamischen Kunst, ohne den Islam selbst zum Thema zu machen. Etwa die Spiegelobjekte des saudischen Architekten und Kalligraphen Nasser Al Salem (*1984), der sich zugleich auf die Minimal Art bezieht. Oder die abstrakten Gemälde des Palästinensers Hazem Harb (*1980), deren hermetische Raumstrukturen plastisch werden. Ahmed Mater wiederum dokumentiert in seinen detailstarken großformatigen Fotografien den irrwitzigen Wandel seiner Heimatstadt Mekka. Die Kaaba verschwindet darin winzig klein hinter Wolkenkratzern, die gigantischen Pilgerströme füllen ein Wegesystem in den Dimensionen einer Autobahn. Seine Aufnahmen halten auch das kleinteilige Wohnviertel „Al Mansur“ fest, das inzwischen zerstört wurde.

Zwischen Susan Hefuna (*1962) und Sophia Al Maria (*1979) liegt eine Generation, aber beide thematisieren in ihrem Werk die Stellung der Frau in der arabischen Welt und zeigen die Enge ihres Lebensraumes. Zum Sterben schön sind die Sternbilder der Marokkanerin Bouchra Khalili (*1975), allerdings tragen die Gestirne ihrer „Constellations“ Städtenamen: Gepunktete Linien verbinden Mogadischu mit Bari, Bamako über Dubai und Dhaka mit Rom, Tunis in einer weiten Schleife mit Marseille. Sie beschreiben Flüchtlings-Routen in die EU.  Das blaue  Nichts, aus dem sie leuchten, ist das Mittelmeer - inzwischen ein Todesstreifen zwischen Europa und dem Rest der Welt. Khalili bringt die harte Wirklichkeit in eine andere Dimension. Die poetische Schönheit der Darstellung verstärkt ihre Aussagekraft. Von Trauer umweht sind nicht zuletzt die filigranen Schätze von Abbas Akhavan (*1977), die wie die sterblichen Überreste von Menschen auf weißen Tüchern auf dem Boden ausgebreitet sind. Es handelt sich bei den betörend zarten Bronzeplastiken in „Studies for a Hanging Garden“ um Abgüsse von Pflanzen, die einst im Land zwischen Euphrat und Tigris wuchsen, aber nun ‒ nicht zuletzt durch den Irak-Krieg ‒ vom Aussterben bedroht sind. Diese Ausstellung überzeugt auch deshalb, weil die darin präsentierten Werke niemals sensationsheischend zugespitzt sind, sondern ihre Wahrheiten subtil vermitteln. Denn selbst wenn „wir“ noch im postkolonialen Blick vom Kolonialismus geprägt sein mögen, so ist es das einzig Richtige, auf diese Kunst ohne Grenzen zu schauen. Dann verändert sich der Blick irgendwann von selbst.

       

Common Grounds.

Villa Stuck

Prinzregentenstr. 60, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 17. Mai 2015.

Ein Katalog zur Ausstellung erscheint bei Hatje Cantz, Ostfildern 2015,

144 S., 30 Euro | ca. 40.90 Franken.

 

 




Villa Stuck