23/03/15

Leben-Design-Balance

Eine Ausstellung im Kunsthaus Glarus fragt nach unserem Verhältnis zu den Dingen und dem Design

von Annette Hoffmann

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Magali Reus, Parking (Retainer), 2014, Foto: Stefan Altenburger

Eine Ausstellung im Kunsthaus Glarus fragt nach unserem Verhältnis zu den Dingen und dem Design

Jetzt im Frühjahr kann es passieren, dass eben noch die Glassteine im Vordach des Kunsthaus Glarus farbige Flächen auf die Wand geworfen haben, so dass man sich fast wünschte, man könnte durch Haegue Yangs Jalousien schauend in das Licht blinzeln, doch dann gegen halb vier verschwindet die Sonne für diesen Tag hinter dem Vorderglärnisch. Es hat also seine Berechtigung, dass Gina Folly (*1980) im Treppenhaus fünf Glühbirnen aufgehängt hat. Die verschieden geformten Modelle sind auf unterschiedlichen Höhen befestigt und geben Tageslicht ab, sie sollen den Körper mit Serotonin fluten, damit wir besser der lichtarmen Zeit trotzen können.

Man kann der in Zürich und Basel lebenden Künstlerin eine gewisse Fürsorge gegenüber den Besuchern der Ausstellung „Fit for Purpose“ nicht absprechen genau so wenig wie eine ironische Haltung gegenüber der Gestaltung und Vermarkung unserer Bedürfnisse. Am Kopfende des im Erdgeschoss gelegenen Ausstellungsraumes liegt ein gut gestopftes Kissen „Untitled (Last nights)“, dessen Flecken auf eine intensive Nutzung schließen lassen. Tatsächlich sind es synthetische Pheromene, die auf dem Stoff hässliche Ränder hinterlassen haben und die unweigerlich mit unserem Körper kommunizieren wollen. Rechts davon stehen einige Wasserflaschen, auf deren Boden Steine liegen, das Wasser soll ihre Mineralien frei setzen. „Untitled (Work/Life Balance)“ hat Gina Folly diese Arbeit genannt. Der Grat zwischen dem Impuls, es sich gut gehen zu lassen und dem Zwang ständiger Selbstoptimierung ist schmal. Wie sehr der Körper dabei zu einem Designobjekt werden kann, zeigt Magali Reus‘ (*1981) Video „Highly Liquid“. Zu sehen ist ein duschender Mann von perfekter Figur, Wasserströme fließen an Haarsträhnen herunter, das Wasser perlt, wie es das menschliche Auge nie wahrnehmen könnte. Man kennt die Ästhetik aus der Werbung.

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Valentina Stieger, Fit for Purpose (Retail Fantasy), 2014, Foto: Valentina Stieger

Die Ausstellung „Fit for Purpose“ reagiert auf das sichtliche Interesse einer Generation – die meisten der hier Beteiligten sind um 1980 geboren – am Gebrauchsobjekt und am Design. Der Minimalismus ist als Einfluss größer als die Pop-Art und der Baumarkt eine nicht versiegende Materialquelle. Die Ausstellung denkt den Adressaten dieser Gegenstände immer gleich mit. Aber anders als in den Interieurdarstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus der Sammlung des Glarner Kunstvereins, die im Untergeschoss die Schau flankieren und kommentieren, ist das Objekt autonom. Und dies schließt seine Zweckentfremdung und die des Materials mit ein. In Glarus ist mitten im Seitenlichtsaal Haegue Yangs (*1971) „Three Folds and Multiple Twists“ von 2013 zu sehen; die koreanische Künstlerin hat Jalousien in pastellfarbenen, kubischen Gruppen angeordnet. Einige kleinere Jalousien, die sich auf Bodenhöhe befinden, wischen für einen Augenblick zur Seite, indem sie um 90 Grad um den Mittelpunkt rotieren. „Fit for Purpose“ und zugleich völlig nutzlos ist die Werkreihe von Valentina Stieger (*1980), die der Ausstellung ihren Titel gab. Die Zürcherin hat Metallgestelle im Raum angeordnet und Tischplatten mal hochkant, mal quer an diese gelehnt. Ihre Oberfläche ist mit einer roten Marmorierung bedruckt und einige der Seile, auf die weiße Keramikabdrücke aufgefädelt sind, hängen über diesen Ensembles oder liegen auf dem Boden. Stieger spielt mit einem trashigen Billig-Look, wie er auch in Baumärkten zu finden ist. Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man auf dem Keramikabdruck das Logo eines angesagten Sneakers. Der Konsum ist ein Dauerrauschen, dem man nicht entgehen kann. Dann ist das Geräusch eines Motors zu hören. Adam Cruces (*1981) hat mit dem 3D-Drucker eine Miniaturausgabe von Umberto Boccionis Skulptur „Unique Forms of Continuity in Space“ geschaffen und sie auf einen Staubsauger-Roboter gesetzt. Wie Robert Breers kinetische Objekte „Floats“ bewegt er sich durch die Ausstellung. Cruces hat die Technikbegeisterung des Futuristen konsequent weitergeführt und sein Pathos zum Gadget verniedlicht.  

Fit for Purpose.

Kunsthaus Glarus

Im Volksgarten, Glarus.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 3. Mai 2015.

 

 




Kunsthaus Glarus