17/03/15

Minderheit unter den Minderheiten

Der Heidelberger Kunstverein erinnert mit Werken von Ceija Stojka an den nationalsozialistischen Genozid an den Sinti und Roma

von Simone Kraft
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Ceija Stojka, O.T. 2003, © Nachlass Ceija Stojka, Hodja Willibald Stojka, Wien

Der Heidelberger Kunstverein erinnert mit Werken von Ceija Stojka an den nationalsozialistischen Genozid an den Sinti und Roma

Es sind keine schönen Bilder. Krakelige Linien, breite Pinselstriche, schwarz, grau und dunkel. Aufgerissene Münder, ausgemergelte Körper, am Stacheldrahtverhau vermodernde Fetzen. Gescheiterte Fluchtversuche? Es sind eindringliche Bilder, die im Kopf bleiben – so, wie sie Ceija Stojka im Kopf geblieben sind. Die österreichische Künstlerin hat den nationalsozialistischen Genozid in Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Bergen-Belsen überlebt. Der Großteil ihrer 200-köpfigen Verwandtschaft nicht, die zwölfjährige Ceija war eine von sechs, die von den Alliierten befreit wurde.

Ceija Stojka (1933–2013) war Romni, in Auschwitz wurde ihr die Nummer „Z 6399“ – Z für Zigeuner – tätowiert. Eine Minderheit unter den Minderheiten. Auch nach dem Krieg sollte es noch bis in die 1980er Jahre dauern, bis begonnen wurde, über die Verfolgung der Sinti und Roma zu sprechen. Auch Stojka beginnt, nach über 40 Jahren, das Erlebte in Worte zu fassen. 1988 erscheint ihre Autobiografie „Wir leben im Verborgenen“, in der sie nicht nur den Roma eine Stimme gibt, sondern auch als eine der Ersten das Schweigen über deren Schicksal bricht. Ihr Werk sorgt für Schlagzeilen.

Schließlich hält Stojka ihre Erinnerungen auch bildlich fest. Es entsteht ein Werkkomplex von mehreren hundert Blättern, Grafiken und Gouachen vor allem, in dem sie mit expressionistischem Duktus das Leben in den Konzentrationslagern einfängt, immer wieder eng verknüpft mit dem geschriebenen Wort. Viele Bilder tragen Kommentare in ihrer nüchternen, dabei jedoch einprägsam bildhaften Sprache. Ebenso sind die Bildszenen: eindringlich, dabei jedoch unsentimental und, soweit man das in diesen Kontexten sagen kann, sachlich, schnörkellos, klar. Es wird nichts versteckt, die brutale Wahrheit nicht mehr verborgen – „Der Boden unter unseren Füßen war sehr heiß und schwarz, Menschenstaub“. Umso expressiver hingegen Stojkas Darstellungsweise, die eine deutliche emotionale Sprache spricht. Häufig greift sie auf Bedeutungsperspektiven zurück, lässt bedrohlich schreiende Münder dominieren, während fragil hingeworfene Körperumrisse sich aufzulösen scheinen. Viele Bildinhalte schwanken zwischen abstrakten, gelegentlich auch surreal erscheinenden Momenten, und der harten Realität.

Der Heidelberger Kunstverein versammelt eine Auswahl dieser „dunklen Bilder“ – Stojka hat auch andere Themen in anderer Farbpalette gestaltet – und präsentiert sie in einer raumgreifenden Gesamtinstallation, um den Bildern auch in ihrer räumlichen Darstellung gerecht zu werden. Dazu hat man sich Unterstützung bei der Bühnenbildnerin Amelie Marei Löllmann geholt. Eine eigens gefertigte Betontafel wird zum Zeitstrahl, der Stojkas Schicksal buchstäblich ans Licht bringt. Zudem werden die Grafiken vielfach kombiniert mit Zitaten, die das Dargestellte einordnen und umrahmen. Begleitet wird die Präsentation, die auf zwei Berliner Ausstellungen „Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz“, kuratiert von Lith Bahlmann und Matthias Reichelt, basiert, von einem umfangreichen Kinoprogramm mit Filmen zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma sowie von Dokumenten und Büchern und einem Begleitprogramm, das in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma zusammengestellt wurde, welches – den meisten verborgen – ebenfalls in Heidelberg ansässig ist. Nicht allzu weit vom Kunstverein entfernt können auch dort regelmäßig Themenausstellungen besucht werden.

Wo übrigens, wenn nicht in hier: Ausgehend von Heidelberg setzte nach Jahren der Diskriminierung in Deutschland Ende der 1970er Jahre die politische Selbstorganisation der Sinti und Roma ein, man begann, öffentlich auf den lange geleugneten Völkermord an der Minderheit aufmerksam zu machen. Im Februar 1982 folgte die Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.

 

Ceija Stojka: Wir leben im Verborgenen.

Heidelberger Kunstverein

Hauptstr. 97, Heidelberg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.

Bis 12. April 2015.

 

 




Heidelberger Kunstverein