21/06/12

Sedimente der Kulturgeschichte

Der amerikanische Künstler Rob Pruitt erzählt im Kunstverein Freiburg "History of the World".

von Dietrich Roeschmann
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Im Kunstverein Freiburg herrscht Chaos. Wie zum Abtransport lehnen hier riesige Gemälde an den Wänden, hochkant, kopfüber, vor- oder hintereinander. Sie zeigen fotorealistisch gemalte Ansichten von Zimmern, in denen das Mobiliar allenfalls noch zu erahnen ist unter Bergen von Kram: Bücher, Stofftiere, Bierdosen, Wäsche, Zeitschriften, Elektroschrott – was sich eben so anhäuft in Wohnungen von Menschen, die nichts wegwerfen können. Es sind die Sedimente eines krankhaften Sammelwahns, der in der planlosen Vermehrung der Dinge nicht nur die aberwitzigsten skulpturalen Formationen hervorbringt, sondern im Kontext des Kunstraums auch eine perfide Frage nahelegt: Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen dem Messie und dem Sammler? Provokationen dieser Art sind typisch für Rob Pruitt. Seit gut 20 Jahren spielt der Amerikaner munter mit den Konventionen und Empfindlichkeiten des Kunstbetriebs. Gleich zu Beginn seiner Karriere handelte er sich damit handfesten Ärger ein: Zusammen mit seinem Partner Jack Early hatte er 1992 in der einflussreichen Galerie Leo Castelli eine eigenwillige, politisch wenig korrekte Hommage an die afro-amerikanische Popkultur gezeigt. Die Szene reagierte verschnupft, die beiden bekamen für lange Zeit kein Bein mehr auf die Erde – bis sich Pruitt nach sechs Jahren mit einer Arbeit zurückmeldete, die ganz nach dem Geschmack der Kunstwelt war: das „Cocaine Monument“, bestehend aus einer fünf Meter langen Koks-Line zum freien Verzehr – so schnell kann das gehen mit dem Comeback. Glitter-Porträts von Pandabären im Stil pseudo-antiker japanischer Lacktafeln bescherten ihm in den Nullerjahren schließlich den Durchbruch. Der Clou: Bis heute ist das High-End-Finish seiner Kunst nie ohne das Gerümpel von Benefiz-Flohmärkten zu haben, die er zeitgleich in seinen Ausstellungen organisiert. Pruitt gibt den perfekten Anti-Koons: ein Post-Post-Pop-Artist, der Glamour mit Politik verbindet, Provokation mit Charity und Institutionskritik mit Ironie.

In Freiburg hat er aus diesen Elementen jetzt ein absurdes Setting entwickelt, das den Kunstverein in ein paläontologisches Diorama der Zwangsneurosen unserer Gegenwart verwandelt. Vor den Messie-Stillleben, die chinesische Auftragsmaler nach Videostills der US-Reality-TV-Soap „Hoarders“ produzierten, tummeln sich hier menschengroße Fiberglas-Modelle von Dinosauriern, deren Haut ölig-schwarz glänzt. Neugierig und nicht ohne Spott mustern diese Wiedergänger aus einer vergessenen Welt die Hinterlassenschaften der Menschen, die selbst auf den Bildern abwesend sind – als rätselten sie darüber, welcher Meteorit hier wohl eingeschlagen sein mag, um das Ende dieser Spezies in einer derart glamourösen Apokalypse zu besiegeln.

Rob Pruitt, History of the World.
Kunstverein Freiburg

Dreisamstr. 21, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 29. Juli 2012.
Kunstverein Freiburg