16/03/15

Künstlerin mit Komplizen

Kerstin Cmelka bespielt mit Manuel Gorkiewicz, Mario Mentrup, Hanno Millesi und Mandla Reuter den Badischen Kunstverein

von Isabel Mehl
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Kerstin Cmelka, Mikrodrama #11 (Teil 2), 2014, Performer: Thomas Draschan, Hanno Millesi, Kerstin Cmelka, courtesy Kerstin Cmelka

Kerstin Cmelka bespielt mit Manuel Gorkiewicz, Mario Mentrup, Hanno Millesi und Mandla Reuter den Badischen Kunstverein

Kerstin Cmelka (*1974) gibt ihrer Ausstellung im Badischen Kunstverein keinen separaten Titel. Stattdessen nennt die Künstlerin ihre Komplizen, deren Arbeiten sie auf selbstverständliche Art mit den ihren in Dialog setzt. Schon im ersten Raum „Mikrodrama Installation 2010“ können die Besucherinnen und Besucher einen Querschnitt von Cmelkas sozialem Kosmos und dem gesellschaftlichen Diskurs, der sie beschäftigt, begutachten. Und das gemütlich, halb liegend, von einer rosafarbenen überdimensionierten Hand aus, die an ein vergrößertes Kinderspielzeug erinnert.

An der Serie der Mikrodramen arbeitet Cmelka seit 2008. Die hier gezeigten Videos tragen Titel wie „Liebelei“ (2008) oder „Who's afraid?/Final Fight“ (2010). In ihnen werden Referenzen unterschiedlichster Art eingestreut, so z. B. auf das Drama „Who's afraid of Virginia Woolf“ von Edward Albee aus dem Jahr 1962. Bei Zigaretten und Wein oder in Schwarz-Weiß auf dem Parkdeck geht es um die Liebe und ihre Wiederholungsschlaufen, um Klischees oder die Inszenierung von Aufstieg und Fall eines Künstlers, des Künstlers als Prototyp. Der Raumton wechselt von einem Video zum nächsten; dazwischen kann der Handlungsverlauf über englischsprachige Untertitel mitverfolgt werden. In ihren Re-Inszenierungen konfrontiert Cmelka populäre und klischeehafte Spielfilmszenen oder dramatische Fragmente mit der Gegenwart und stellt eine Art Musterkatalog an Verhaltensweisen und Gesprächsabläufen vor. Die Performer­innen und Performer tragen ihre Rollen wie locker sitzende Masken; in ihrem Dialekt schimmert die österreichische Herkunft der Künstlerin durch.

Das Setting, ergänzt durch die Homevideo-Ästhetik, lässt ein Wohnzimmergefühl entstehen, das sich beim Drücken der zarten goldenen Klinke zum großen Saal noch verstärkt. Die Schlange, in deren Lage sich Hanno Millesi (*1976) in „Ambulanz“ (2012) zu versetzen versuchte und von der er gerade noch mittels Kopfhörer aus dem Flechtkorb berichtete, liegt hier quer durch den Raum und stark vergrößert auf dem Fußboden. An der Wand schwarz-weiße Fotografien, die in Zusammenwirkung mit dem Song „Springtime“ von Mario Mentrup (*1965) eine unbestimmte Sehnsucht nach dem Gefühl der Jugend erzeugen. Der Song unterbricht zugleich den fortlaufenden Loop der drei großformatigen HD-Projektionen, die alternierende Tonspuren haben. Zwei der Filme zeigen Gespräche von Cmelka mit offenbar früheren Liebhabern, die mittlerweile beide Freundinnen haben, deren Alter sie lieber verschweigen würden – Männer zwischen Didaktik, Pathos und Pathologie. Die eine Freundin macht irgendwas mit Kunst, der anderen müsse man sogar noch erklären, wer Kippenberger überhaupt sei. Cmelkas eigene Arbeit findet in den Gesprächen keinen Platz und bildet eher ein vom Gegenüber höflich ignoriertes Zwischenrauschen. Später wird sie im Teppich eingerollt und mit einem Nachgesang auf ihre vergangene Schönheit verabschiedet. Es ist ein von Humor charakterisiertes Drama, das hier aufgezeigt wird.

Nach dem Verlassen dieses Schauplatzes steht man kurze Zeit später vor dem Getränkeautomat „Shuteye“ (2011/2015) von Mandla Reuter (*1975). Dieser stellt einen vor die Wahl zwischen Selters oder Black Forest Wasser, Cola oder Pepsi – darüber schwebend eine stark verkleinerte Version der rosa Hand vom Anfang. Der Automat führt seine Tricks vor wie ein vergessener Zirkusclown; automatisiert und unabhängig von jeder Außeneinwirkung geht er seinen getimten Abläufen nach. Mit einer anderen Art der Fokussierung auf sich selbst ist kurz darauf Cmelka in ihren Versuchen des „emotional recall“, einem zentralen Element des Method Acting, in der Fotoserie „Song and Dance Exercise (cowboy shots)“ (2015) konfrontiert.

Cmelkas Arbeiten sind eine Art Archäologie der Gegenwart, sie selbst funktioniert als deren Filter. Sie tastet ihre Umgebung ab und untersucht unterschiedliches Material – von der Alltagsbeobachtung, dem privaten Gespräch bis hin zur literarischen Vorlage. Dabei ist sie nie teilnahmslose Forscherin, sondern richtet ihren Blick der Kamera entgegen.

       

Kerstin Cmelka mit Manuel Gorkiewicz, Mario Mentrup, Hanno Millesi und Mandla Reuter.

Badischer Kunstverein

Waldstr. 3, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 6. April 2015.

 

 




Badischer Kunstverein