06/03/15

Lieber im Hintergrund

Nachruf auf den Freiburger Künstler Rainer Dorwarth

von Antje Lechleiter

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Rainer Dorwart, o.T., 2004

Nachruf auf den Freiburger Künstler Rainer Dorwarth

Freundlich und still saß Rainer Dorwarth im vergangenen November zwischen den vielen Gästen der Ausstellung, die seine Familie im Freiburger Depot.K anlässlich seines 90. Geburtstages organisiert hatte. Über die vielen Jahrzehnte seines künstlerischen Schaffens hinweg kannte man es von ihm nicht anders: Rainer Dorwarth hielt sich lieber im Hintergrund und ließ seine Bilder für sich sprechen. Fast auf den Tag genau sechs Monate nach der Eröffnung dieser schönen Retrospektive ist er nun am 2. März 2015 in Freiburg verstorben.

Unvergesslich sind die Momente der Begegnung: Lange Jahre im Atelier in der Wölflinstraße, dann und unweit von dort, im Haus in der Stadtstraße, wo er bis zuletzt fast täglich in seine Skizzenbücher zeichnete. Es war wunderbar, ihm dabei zuzusehen, wie sich die Blätter mit dem sicheren, exakten Zugriff des geübten Zeichners füllten: Zügig fügte sich sein Strich zu Selbstportraits, Kinderbildnissen und immer wieder zu Portraits seiner schlafenden Frau Adelheid. Doch es gab auch Tage, an denen die sichtbare Wirklichkeit verschwand. Dann betraten Bilder seines Inneren, phantastisch-surreale Kompositionen, die sich nicht in Zeit und Raum verorten lassen, die kleinformatigen Seiten der Zeichenbücher. Mit kristallinen, amorphen, netzartig ausgespannten Flächen bekannte er sich hier zu einer anderen Form von Realität im Bild. Wer seine Gemälde, Aquarelle, Holzschnitte und Monotypien kennt, der weiß allerdings, dass ihn genau diese andere Form von Wirklichkeit sein ganzes langes Künstlerleben hindurch begleitet hat.

Der künstlerische Weg des 1924 in Welver/Westfalen Geborenen begann ‒ nach Kriegsdienst und Gefangenschaft ‒ im Alter von 25 Jahren in der Vorbereitungsklasse von Rudolf Dischinger an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Freiburg. Wichtig wurde dort der Unterricht bei Adolf Strübe, doch nach den langen Jahren der nationalsozialistischen Diktatur und der kulturellen Isolation lockte die Kunstmetropole Paris. Bereits 1951 pilgerte Dorwarth gemeinsam mit seiner Frau, der Textilkünstlerin Adelheid Dorwarth, in die französische Hauptstadt. Beide besuchten für ein halbes Jahr die Pariser Akademie André Lhote und studierten in den Galerien und Museen die aktuelle, moderne Kunst. Zurück in Freiburg schloss Dorwarth sein Studium ab und bezog als freischaffender Maler ein Atelier in Littenweiler. Die 1950er und 1960er Jahre waren von der Arbeit an Auftragswerken wie der Glasfenstergestaltung des Freiburger Ursula Gymnasium, der Einsegnungshalle am Littenweiler Bergäckerfriedhof oder der Kapelle der Katholischen Akademie in Freiburg und der Ankunft von sechs Kindern, darunter zwei Zwillingsgeburten, geprägt. Als die Einnahmen aus den Kunst-am-Bau-Projekten in den späten 70er Jahren langsam wegbrachen, geriet Dorwarth in eine tiefe Krise. Es scheint, als habe er vorübergehend Halt in der Welt des Benennbaren gesucht und dabei zu einem geradezu akribischen Naturstudium gefunden. Für einige Jahre brachte er eine fast unvorstellbare Geduld bei der Gestaltung feinster Pinsel- und Federzeichnungen von Muscheln und Schnecken auf. Zu Beginn der 80er Jahre rückten diese Objekte langsam in den Hintergrund, und Dorwarth räumte seine Bildfläche wieder für den Auftritt des Abstrakten frei. Kraftvoll und formatfüllend treten nun gletscherartig fließende oder kristallin zersplitterte Formen ins Bild, es finden sich Anklänge an Wachstumsbewegungen und an die dynamische Kraft der Natur. Rainer Dorwarth wollte sich und damit auch seine Werke nur ungern erklären. Doch auch ohne viele Worte war er ein wunderbarer Gesprächspartner. Einer, der den Dialog über das führte, was ihm wirklich wichtig war: Die Arbeit am Bild.