07/03/15

Für die Bevölkerung

In der Ausstellung von Christina Hemauer und Roman Keller im Kunstmuseum Olten vermischt sich Lokal- mit Wirtschaftsgeschichte

von Annette Hoffmann
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Christina Hemauer, Roman Keller, Aare-Tessin, 2014, © Christina Hemauer und Roman Keller
In der Ausstellung von Christina Hemauer und Roman Keller im Kunstmuseum Olten vermischt sich Lokal- mit Wirtschaftsgeschichte

Der Umstand, dass die Ausstellung von Christina Hemauer (*1973) und Roman Keller (*1969) im Kunstmuseum Olten gleich zwei Mal verschoben wurde, führt schon mitten in das Zentrum von „Im Drehsinn. Wirtschaft und Kunst“. Bekanntlich war das Museum in Bedrängnis geraten, weil die Stadt mit Steuerausfällen zu kämpfen hatte. Der Grund lag im Einbruch der Strompreise 2011, der eine kleine Lawine in Gang setzte. Die Umsätze des Energieunternehmens Alpiq, das seinen Geschäftssitz in Olten hat, sanken und damit auch die Steuereinnahmen. Hatte Alpiq der Stadt bis dahin so etwas wie Wohlstand beschert, musste jetzt gespart werden. Dass ausgerechnet das Zürcher Künstlerpaar von der Malaise betroffen war, ist beinahe schon wieder komisch. Denn Christina Hemauer, die in Zürich und Gent Kunst studiert hat, und der Umweltnaturwissenschaftler Roman Keller befassen sich seit Jahren mit Fragen fossiler, vor allem jedoch regenerativer Energie. Die Verschiebung der Ausstellung haben die beiden als Steilvorlage genutzt.

Mittlerweile hat sich Alpiq sogar von der lokalen Sportförderung zurückgezogen. 1959 sah das gesellschaftliche Engagement des Unternehmens noch anders aus. In den Reserveräumen der Firma – damals glaubte man noch an ein ungebremstes Wachstum – fand die Ausstellung „Wirtschaft und Kunst“ des Kunstvereins Olten statt, in der Werke aus Firmensammlungen zu sehen waren. Ihr Ziel war es, das zeitgenössische Kunstschaffen zu fördern, die Arbeit als Motiv für die Kunst zu propagieren sowie die Verantwortung der Wirtschaft für die Kultur sichtbar zu machen. Aus 36 Schweizer Sammlungen wurden 102 Werke zusammengetragen. Christina Hemauer und Roman Keller haben nachgeforscht und konnten in den meisten Fällen ihren Verbleib klären. Es ist eine umfangreiche und nicht minder spannende Recherchearbeit, die sie im ersten Stockwerk in Vitrinen offen legen. Am bizarrsten ist dabei der Fall von Ferdinand Hodlers „Aare-Schlucht“ von 1907, das der Vorgängerin der Alpiq, der Aare-Tessin Aktiengesellschaft für Elektrizität Olten, gehörte. Dem Geschäftsbericht von 1987/88 diente das Bild als Titelblatt, obwohl bereits das Gerücht umging, lediglich eine Kopie befände sich noch im Besitz der AG, während das Original einem ausscheidenden Manager zum Abschied geschenkt worden sei. Die Kopie jedoch wurde erst 1988 angefertigt. Zwei andere Werke, die in der Ausstellung 1959 in Olten zu sehen waren, sind Teil der Sammlung des Kunstmuseums geworden. Es sind diese Verbindungen zwischen Lokal-, Wirtschafts-, aber auch Mentalitätsgeschichte, die Hemauers und Kellers Ausstellung derart anregend machen. Sie steckt voller Geschichten. Geschichten, die von enttäuschten Erwartungen, falschen Prognosen und Verantwortungslosigkeit erzählen. In das gleiche Jahr führt ihre bereits 2008 entstandene Installation „Invasion der lachenden Hänse“ zurück. Die Fototapete, die vor einer Bank aufgebaut ist, zeigt die Schwarz-Weiß-Abbildung eines etwas vernachlässigten Brunnens vor einem herbstlichen Wald. Man erkennt das Jahr 1959 und das Emblem eines Feuer speienden und geflügelten Löwen. Er ist das Logo der Migrol, die in Eglisau große Öltanks errichtete, um der staatliche Auflage nach Energieautarkie nachzukommen. Als Entschädigung für den Lastverkehr stiftete Migrol der Bevölkerung einen Brunnen. Zwischen die Klangkulisse eines europäischen Waldes mischt sich das Geschrei lachender Hänse, das Künstlerpaar selbst hat den australischen Vogel imitiert.

Man könnte über all dem verzweifeln, doch Christina Hemauer und Roman Keller haben sich ihrerseits ebenfalls für Symbolpolitik entschieden. Für die Triennale Valois war die Videoarbeit „L’eau maudite“ entstanden, für die sie Feuerwehrmänner beauftragt hatten, aus der Aare Wasser abzupumpen und dieses zum still gelegten Wasserkraftwerk Fully zu transportieren, um es dann in einer imposanten Fontäne in die Luft zu jagen. Die Energie wäre da.     

 

Christina Hemauer und Roman Keller: Im Drehsinn. Wirtschaft und Kunst.

Kunstmuseum Olten

Kirchgasse 8, Olten.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 14.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 19. April 2015.

 

 




Kunstmuseum Olten