06/03/15

Im Resonanzraum

Über die Wirklichkeit der Bilder: Ricarda Roggan im Wilhelm-Hack-Museum

von Dietrich Roeschmann
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Ricarda Roggan, Garage 9, 2008, Courtesy Galerie Eigen+Art, Leipzig/Berlin

Über die Wirklichkeit der Bilder: Ricarda Roggan im Wilhelm-Hack-Museum

Ich sehe was, was du nicht siehst. Es ist ein uraltes Spiel, das die Leipziger Fotografin Ricarda Roggan (*1972) mit ihren Arbeiten betreibt. Und auch die Mittel, die sie dafür einsetzt, sind nicht viel jünger: Sperrige Großbild- oder Mittelformatkameras, stickige Dunkelkammern, stinkende Chemie – das ganze Arsenal der analogen Technik, 100 % Old School. Als hätte die digitale Revolution nie stattgefunden.

Doch dieser vermeintliche Anachronismus passt gut zu den Dingen, die Roggan vor ihrem Objektiv arrangiert – am augenfälligsten wird das in der Serie „Apokryphen“ (2014), die derzeit im Zentrum einer konzentrierten Werkschau der Fotografin im Wilhelm-Hack-Museum steht. Die 36 Schwarz-Weiß-Foto­grafien zeigen jede Menge Dinge, die nichts miteinander zu verbinden scheint als ihre vordergründige Wertlosigkeit. Von der ramponierten Herrenbrille bis zum Kanonenkugelaschenbecher, vom kitschigen Porzellanhund bis zum abgenagten Bleistift breitet Roggan hier in streng linearer Hängung eine Art Typologie des namenlosen Trödels aus. Ein Index in Buchform klärt über die Herkunft der Dinge auf: Der Porzellanhund gehörte Wilhelm Raabe, der Bleistift Kurt Tucholsky, die Brille trug Ernst Bloch, als er Rudi Dutschke kennenlernte. Die Informationen sind knapp, aber effektiv: Blitzschnell verwandeln sich die nutzlosen Objekte vor den Augen der Betrachter in randvoll mit persönlicher Geschichte gefüllte Memorabilia. Roggan geht es dabei allerdings nicht um die Erkundung der individuellen Spur. Was sie interessiert, ist der Imaginationsraum, den sie eröffnet.

Schon ihre erste Serie „Tisch, Stuhl, Bett“ (2002), für die Roggan altes Mobiliar aus verlassenen Häusern in exakt gleicher Anordnung in ihrem Studio wiederaufbaute, kreiste um dieses Potenzial des Relikts, kollektive Erinnerungen zu stimulieren. Dafür greift sie nicht selten zu Mitteln der vorauseilenden Bildmanipulation: Statt die Fotografien nach dem Shooting im Labor zu bearbeiten, bringt sie lieber gleich die Wirklichkeit für ihre Bilder in Form. Mit verblüffendem Effekt: die komplett entrümpelten, ultra-cleanen Dachböden ihrer Serie „Attika“ (2005) etwa entfalten gerade in ihrer aufgeräumten Düsternis einen seltsamen Sog ins Unbestimmte. Und die unter eigenhändig gesiebtem Staub und sorgfältig arrangierten Abdeckplanen verborgenen Unfallautos der Serie „Garage“ (2008) hocken wie stumme Zeugen unbekannter Dramen in einem bühnenähnlichen Raum, den wir unweigerlich selbst mit den Geschichten füllen, die sie uns verweigern.         

 

Ricarda Roggan, Echo

Wilhelm-Hack-Museum

Berliner Str. 23, Ludwigshafen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 19. April 2015.

 

 




Wilhelm Hack Museum