04/03/15

Kontaminierte Kontexte

Nacktheit, Schaum und Hirnsubstanz: In seiner Soloschau in Biel lädt der Brite Roger Hiorns Materialien auf

von Annette Hoffmann
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Roger Hiorns, Ausstellungsansicht, Salle Poma, Centre PasquArt 2015, Untitled, 2014, courtesy the artist and Corvi-Mora Gallery, London, Foto: Patrick Christie, GFF Biel

Nacktheit, Schaum und Hirnsubstanz: In seiner Soloschau in Biel lädt der Brite Roger Hiorns Materialien auf

Wie der junge Mann geschlafen hat, ist naturgemäß nicht bekannt. Ob er wohl ähnlich unruhige Träume hatte wie Gregor Samsa? In der unbetitelten Videoarbeit von Roger Hiorns (*1975) aus dem Jahr 2013 versucht ein nacktes Modell aufzustehen. Der Mann liegt in einem Ausstellungsraum auf dem Rücken, die Füße sind aufgestellt, die Beine angewinkelt, dann rutscht er unbeholfen einige Handbreit weiter. Die Arme bleiben passiv, nur manchmal greift er zum Smartphone. Auf der anderen Hälfte des Bildschirms müht sich ein Hirschkäfer, wieder auf die Beine zu kommen. Das Insekt hat sich zwischen Töpferware verirrt, Staubflusen hängen an seinen Extremitäten, die grotesk geformten großen Scheren des Tieres stoßen immer wieder an eine Schiene am Boden. Helfen kann sich das Tier nicht: eine kafkaeske Situation.

Es sind keine omnipotenten Körper, die im Mittelpunkt des Werkes von Roger Hiorns stehen. Und doch sind sie ‒ das zeigt diese bislang größte Einzelschau Hiorns‘ im Kunsthaus Centre PasqArt – omnipräsent. Sei es durch männliche Models, anthropomorphe Maschinen oder dem eigenen, dem manche Werke des britischen Künstlers unangenehm nahekommen. Als er 2008 einen leer stehenden Raum in London mit einer Kupfersulfatlösung überzog und das Apartment in ein blaues, kristallines Wunder verwandelte, konnte man noch glauben, der Goldsmiths-Absolvent stände in direkter Nachfolge der Young British Artists. Da war es nur konsequent, dass er mit „Seizure“ gleich für den Turner-Prize nominiert wurde.

Nur die wenigsten seiner Skulpturen, Installationen und Fotos sind von derart glamouröser Oberfläche. Die Männer, die Hiorns für seine Youth-Serie seit etlichen Jahren auf Bänken, Stahltischen oder Motoren platziert, sind immer jung. Man muss ihre Nacktheit nicht erotisch verstehen, sie hat immer auch etwas sehr Verletzliches, wenn die Körper auf Materialen wie Kunststoff oder Stahl treffen und sie neben sich zudem oft ein Feuer entfachen. Hiorns aktiviert den Prometheus-Mythos so wie er den still stehenden Maschinen durch die Präsenz der jungen Männer Energie verleiht. Da ist es wohl kein Zufall, dass viele der jetzt in Biel gezeigten Arbeiten unerlässlich Schaum produzieren.

Am eindrücklichsten ist dies in der großen Rauminstallation im Salle Poma. Um die 200 Objekte, die Hiorns aus Einfüllstutzen, Motorteilen und Ähnlichem zusammengesetzt hat, hängen von der Decke hinunter. Aus manchen quillt in weiten Bögen weißer Schaum, andere sind mit ihm bekrönt. Man kann sie als eine Anspielung auf einen endlosen Redestrom oder, was wahrscheinlicher ist, auf eine nicht versiegende Potenz verstehen. Der ölige Schimmer, die schmutzige Patina, die diese Skulpturen umgibt, schafft jedoch eine Verbindung zu neueren Arbeiten, die sich mit der BSE-Krise der Nuller-Jahre befassen. Roger Hiorns hat dicke, braun angelaufene Gummiplane, in die ein Abspielgerät eingeschlagen ist, mit der Gehirnsubstanz eines Kalbes bestrichen. Der Packen am Boden wirkt als sei er kontaminiert, unwillkürlich tritt man zurück und nähert sich dann doch wieder, um der Radiosendung der BBC zuzuhören, die den Fall eines muslimischen Mannes aufgreift, der nach einem Herzinfarkt intensivmedizinisch versorgt wurde. Ärzte und Religionsexperten kommen ebenso zu Wort wie die Angehörigen. Die BSE-Krise und die Tötung von unzähligen Tieren waren ein Anzeichen für ein grundsätzliches Versagen der Moral, scheint Hiorns sagen zu wollen. Hiorns, der sich selbst von Wolf Vostell und Joseph Beuys beeinflusst sieht, folgt in der Wahl der Materialen einer eigenen Logik, die für den Betrachter nicht unbedingt nachzuvollziehen ist. Dass sie neu ist, mag dabei durchaus ein Kriterium sein. 

 

Roger Hiorns.

Kunsthaus CentrePasquArt

Seevorstadt 71-73, Biel/Bienne.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 5. April 2015.

Am 22. und 29. März finden zwischen 13.30 und 17 Uhr Performances statt.

 

 




Kunsthaus CentrePasquArt