28/02/15

Auferstanden aus Archiven

Die Staatsgalerie Stuttgart widmet Oskar Schlemmer die erste Werkschau seit fast vier Jahrzehnten

von Leonore Welzin
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Oskar Schlemmer, Figurinen zum Triadischen Ballett, 1922, Staatsgalerie Stuttgart

Die Staatsgalerie Stuttgart widmet Oskar Schlemmer die erste Werkschau seit fast vier Jahrzehnten

„Ich habe eine Geliebte!!!!“, jubelt der 17-jährige Oskar Schlemmer und gesteht seinem Schulfreund auch wer es ist: „Die Kunst!“. Angefacht vom jugendlichen Elan wird er dieser Geliebten nicht nur sein Leben lang treu bleiben, mit ihr wird er alle erdenklichen künstlerischen Potentiale erkunden und ausloten – als Maler, Zeichner, Wandgestalter, Grafiker, Bildhauer, Bühnengestalter und dilettierender Tänzer. Heute würde man ihn einen Performer nennen. Sein Leitmotiv ist der Mensch, nicht in seiner individuellen Ausformung,  sondern als abstrakte Gestalt, quasi als Gegenthese reiner Kreatürlichkeit, verkörpert im Ideal einer überindividuellen Figur.

1888 in Stuttgart geboren, ist die schwäbische Metropole Schlemmers Heimat und Ort seiner größten Förderer. Das umfangreichste Konvolut seiner Arbeiten besitzt die Staatsgalerie Stuttgart. 45 Gemälde, 250 Grafiken, einige Originalkos­tüme des „Triadischen Balletts“ sowie 3000 Briefe schlummerten fast vier Jahrzehnte in Archiven und Depots, weil ein Erbstreit dem gesamten Nachlass des dreimaligen Documenta-Teilnehmers ein Zwangskoma verordnet hatte. 70 Jahre nach Schlemmers Tod sind die Urheberrechte ausgelaufen, endlich darf wieder veröffentlicht werden. Die Zeit für eine große Retrospektive war gekommen: „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“. In der von Ina Conzen kuratierten Ausstellung präsentiert die Staatsgalerie 270 Arbeiten aus allen Schaffensphasen. 

Empfangen wird der Museumsbesucher in einer Halle, in der die wichtigsten Werke versammelt sind. Schlemmers Schlüsselwerk „Bauhaustreppe“ (1932), vom Museum of Modern Art ausgeliehen, beschreibt die Wechselwirkung zwischen Mensch und Raum, zwischen Menschheit und Zivilisation. Das Gemälde, groß wie eine Tür, besiegelt die Bauhaus-Ära in Dessau. In der Folge avanciert es zum Leitbild einer ungebrochenen Moderne, deren Symbol die aufstrebende Jugend ist, sie schreitet einer leuchtenden Zukunft entgegen. Flankiert wird die „Bauhaustreppe“ von „Paracelsus. Der Gesetzgeber“ (1923). Diese Abbildung einer historischen Persönlichkeit wirkt aus heutiger Sicht wie ein prototypischer Vorgänger für das pausbäckige Personal des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Für Schlemmer hat das Motiv aus Lack und Ölfarbe programmatische Bedeutung: Es sollte das Metaphysische binden, um damit der Kunst eine gesetzgebende Funktion zuzuweisen. Aus demselben Jahr stammt „Der Tänzer“, ein stilisiertes Selbstbildnis. In wenigen Umrisslinien und minimalen Schattenflächen zeigt das schlanke Hochformat einen Tänzer in weißem Trikot, vor ebenfalls weißem Wandschirm. Körper und Hintergrund gleichermaßen entleert, verbinden sich in einer entrückten Sphäre reiner Kunst. Der anschließende Rundgang ist chronologisch geordnet. Das Frühwerk, Landschaften, Häuser und zwei der vier existierenden Selbstportraits, die bezeichnenderweise „Männlicher Kopf“ betitelt werden, sind um 1910 von der Begeis­terung  für Cézanne und der Auseinandersetzung mit dem Kubismus geprägt. Berlin, Weimar, Dessau, mit wachsendem Aktionsradius entfaltet sich der künstlerische Genius, steigert sich die Lust an Grenzgängen und formaler Strenge. Zwischen teils vertrauten, teils unbekannten Gemälden wird man von Skizzen, Zeichnungen und Reliefs wie die „Ornamentsplastik auf geteiltem Rahmen“ (1919/1923) überrascht. Im Obergeschoß des Hauses erwartet die Besucher Original-Figurinen, Fotos und Videoaufzeichnungen der Rekonstruktion des „Triadischen Balletts“, Kostüm- und Bühnenbild-Entwürfe zu anderen Balletten und Bühnenstücken sowie eine sorgfältig aufbereitete Präsentation erhaltener Wandgemälde.

War der Verdienst der letzten großen Schlemmer-Retrospektive 1977 eine Systematisierung und solide Evaluation des umfangreichen Bestandes durch die Kunsthistorikerin Karin von Maur, bestätigt die aktuelle Schlemmer-Schau das Bild des vielseitigen Pioniers und eines stilprägenden Vertreters der Avantgarde im 20. Jahrhundert. Überdies setzt die beginnende Auswertung der Briefe literarische Akzente, die mehr von der Person hinter dem Künstler preisgeben. „Who the Oskar is Schlemmer?“ steht auf dem Stuttgarter Trottoire, die Antwort: „Just have a look!“         

Oskar Schlemmer: Visionen einer neuen Welt.

Staatsgalerie Stuttgart

Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 19. April 2015.




Staatsgalerie Stuttgart