27/02/15

Sonia Kacem

Die Genfer Bildhauerin entwift sinnliche Settings aus Alltagsmaterialien, die nicht nur den guten, alten Minimalismus ins Chaos stürzen

von Dietrich Roeschmann
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Sonia Kacem, Loulou, 2014, Installationsansicht Kunstverein Nürnberg, Foto: Annette Kradisch, Courtesy the artist, Galerie Gregor Staiger, Zürich & T293, Rom/Neapel

Die Genfer Bildhauerin entwift sinnliche Settings aus Alltagsmaterialien, die nicht nur den guten, alten Minimalismus ins Chaos stürzen

Wie sieht's denn hier aus? Bunte Schaumstoffelemente liegen wüst im Raum verteilt, wie nach einer nächtlichen Schlacht im Warenlager für Bastelbedarf. Der dunkle Boden in der Kunst Halle Sankt Gallen macht das ganze Ausmaß des Chaos greifbar. In einer der Ecken kauert ein großer Berg Schaumstoffmatten, eingewickelt in schwarzen Lycrastoff, der sich von dort aus in einer langen Bahn zur Decke, dann quer durch den Raum spannt, um Säulen windet und schließlich im Nebenraum verschwindet, wo er von zwei weiteren, zerzausten Mattenbergen am Boden gehalten wird.   

Sonia Kacem hat eine eigenwillige Vorstellung vom perfekten Kunstwerk. Nicht schön soll es sein, nicht streng, poetisch oder provokativ, sondern vor allem: weder noch. Aber das bitte so genau wie möglich. Ausgehend von diesem Gebot radikaler Neutralität entwickelt die 29-Jährige sinnliche Settings aus Fundstücken, recycelten Textilien oder industriellen Werkstoffen, die mal wie Bühnenbilder wirken, mal wie ein Materialarchiv oder das traurige Chaos letzter Dinge nach einer Haushaltsauflösung. Was Kacem interessiert, sind die Beziehungen zwischen Farbe, Form und den taktilen Eigenschaften ihrer Materialien – und die Spannung, die ihr Zusammenwirken im Raum entfaltet.  

1985 als Kind einer Schweizerin und eines Tunesiers in Bern geboren, lebt und arbeitet Kacem heute in Genf. Nach dem Abschluss ihres Kunststudiums  2011 an der Genfer Haute Ecole d'Art et de Design (HEAD) hatte sie noch im gleichen Jahr ihre erste Soloschau in der Zürcher Galerie Gregor Staiger. Die Installation „Progress MI 07“, die sie dort zeigte, versetzte Schrottteile und abgelegte Dinge in ein derart prekäres Gleichgewicht, dass die Kräfte, die zwischen den einzelnen Elementen wirkten, ebenso präsent waren wie die ständige Erwartung ihres Erschlaffens. Danach ging es für die junge Bildhauerin Schlag auf Schlag. Für ihre Installation „Thérèse“, einem ebenso glamourös wie betont nachlässig arangierten Kommentar zum Minimalismus, erhielt sie 2013 einen Swiss Art Award, im Jahr darauf dann den Manor Kunstpreis. Die mit dieser Auszeichnung verbundene Soloschau im MAMCO in Genf lieferte auch die Blaupause für ihre aktuelle Ausstellung „Loulou, Replay“ im Kunstverein Nürnberg, wo sie gut ein Dutzend verschieden großer Pyramiden so im Raum arrangiert hat, als wären sie gerade aus einem Würfelbecher gefallen. Sie bestehen aus simplen Holzrahmen und sind mit unterschiedlichsten Stoffen bespannt: Meterware aus dem Schlussverkauf, leichte Baumwolle, gestreifte Markisenbahnen mit deutlichen Verwitterungsspuren. Auch das Finish der Pyramiden ist alles andere als perfekt. Eher sehen sie aus wie wacklige Zelte, die sich nur als geometrische Körper tarnen, als minimalistische Skulpturen oder Modelle herrschaftlicher Grabstätten. Die Idee dazu, sagte Kacem kürzlich in einem Interview, sei ihr bei einem Besuch in Las Vegas gekommen, wo seit 1993 das gläserne Hotel „Luxor“ als bizarrer Fake der ägyptischen Cheops-Pyramide aus der Skyline ragt. In Nürnberg hat sie diesen Fake nun noch einmal gefakt, vervielfältigt und zu einem spielerisch leichten, herrlich chaotischen Parcours arrangiert, der die Erhabenheit der vollendeten Form mit der Poorness banaler Materialien und der Unübersichtlichkeit eines noch nicht abgeschlossenen Experiments erdet.           

 

Sonia Kacem: Loulou Replay.

Kunstverein Nürnberg

Kressengartenstr. 2, Nürnberg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 26. April 2015.

 

Sonia Kacem: Bermuda Triangle.

Kunst Halle Sankt Gallen

Davidstr. 40, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 29. März 2015.

 

 




Kunstverein Nürnberg
Kunst Halle Sankt Gallen