22/06/12

Wem die Stunde schlägt

Minimal Neo-Barock: Kris Martins umfassende Werkschau im Aargauer Kunsthaus.

von Dietrich Roeschmann
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Manchmal liegen die wirklich großen Themen auf der Straße. Einfach so. Kürzlich fand der flämische Künstler Kris Martin dort zum Beispiel eine tote Biene, die Beinchen reglos in die Luft gestreckt. Wie lange mag sie gelebt haben: vier Wochen, vielleicht fünf? Martin nahm sie mit nach Hause. Jetzt liegt die Biene in Gold gegossen in einer Vitrine im Aargauer Kunsthaus (Bee, 2009) – als „eine der kleinsten Skulpturen der zeitgenössischen Kunst“, wie der Künstler grinsend versichert. Ein Memento mori in Miniaturformat – vom Asphalt geklaubt, wie für die Ewigkeit gemacht. So einfach ist das mit dem Leben und der Vergänglichkeit. Und so komplex.

In seiner ersten großen Werkschau, die derzeit in Aarau zu sehen ist, präsentiert sich der 40-Jährige als wahrer Meister der Effizienz. Seine Themen sind der Tod und die Zeit, sein Material alte Fundstücke, denen er durch minimale Eingriffe neues Leben einhaucht. Es sind Objekte von schlichter Eleganz, die uns auf magische Weise mit der Endlichkeit unseres eigenen Lebens konfrontieren. Ein gestrandeter Heißluftballon, dessen rote Hülle – von Ventilatoren beatmet – einen kompletten Saal füllt, mutiert so zum begehbaren Traumfänger für unerfüllte Sehnsüchte (T.Y.F.F.S.H., 2009). Im Lichthof läutet stumm zu jeder vollen Stunde eine tonnenschwere Glocke ohne Pendel vor sich hin (For Whom, 2012) und lässt das Verstreichen der Zeit durch die dröhnende Stille geradezu körperlich erfahren. Und während sich in einem Saal rund 700 von Soldaten verzierte Granathülsen aus dem Ersten Weltkrieg (Untitled, 2010) zu einem Monument türmen, das auf subtile Weise vom Zusammenhang zwischen Todesangst und Lebensmut, Schönheit und Gewalt erzählt, tickt nebenan in einer riesigen Betonkugel schon mal ein komplizierter Mechanismus, der das Ding, wenn alles gut geht, in genau 1000 Jahren explodieren lassen wird (1000 Years, 2009). Es hält eben doch nichts für ewig. Auch die Kunst nicht – vom schönen Museumsbau drum herum ganz zu schweigen.

Die erstaunliche Präzision von Kris Martins Arbeiten verdankt sich zu einem guten Teil der konsequenten schöpferischen Enthaltsamkeit des Künstlers. „Ich bin der Bleistift, nicht der Zeichner“, beschreibt er seine Aufgabe im schön gestalteten Katalog zur Ausstellung. Statt selbst Hand anzulegen, hat sich Martin deshalb auf eine Strategie des Aneignens und Umwidmens gebrauchter oder gefundener Dinge verlegt, die oft allein durch kleinste Kontextverschiebungen als Repräsentanten der verstrichenen Zeit erscheinen, die in ihnen gefangen ist, oder als verführerische Trugbilder dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Rohe Sandsteinbrocken mutieren da plötzlich, mit winzigen Gipfelkreuzen versehen, zu mächtigen Felsmassiven (Summit, 2009). Und auf Kieseln, die Martin am Strand sammelte, erinnern feine Quarzäderchen an die Form von Buchstaben, die er zu der lapidaren Feststellung sortiert: „I am not an idiot“ (2010). Wie in vielen Arbeiten Kris Martins halten sich auch hier Humor und Melancholie die Waage. Einerseits bezieht sich der kurze Satz auf ein absurdes Romanprojekt, für das der Künstler Dostojewskis „Idiot“ komplett abschrieb und dabei den Namen des Titelhelden durch seinen eigenen ersetzte. Zugleich aber spielt seine Arbeit auch mit der Idee, dass nicht der Mensch, sondern die schiere Naturgewalt tektonischer Kräfte es war, die unsere Sprache vor Jahrmillionen hervorbrachte – und die uns deshalb ebenso lange überdauern wird. Das wohl griffigste und glamouröseste Vanitas-Symbol seiner Ausstellung hat Kris Martin übrigens ins Museumcafé verbannt. Zwischen Wein und Spirituosen döst dort hinter der Theke ein versilberter Abguss seines eigenen Schädels vor sich hin. Der Titel: „Still Alive“ (2005).

Kris Martin: Every Day of the Weak.
Aargauer Kunsthaus

Aargauerplatz, Aarau.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 12. August 2012.
Katalog im Distanz Verlag, 182 S., ca. 39,90 Euro | 64 Franken.

Aargauer Kunsthaus