23/02/15

Rhetorik der Digitalität

Der Brite James Richards erweist sich im Kunstverein München als reflektierter Arrangeur von Film-Collagen

von Sabine Weingartner
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James Richards, Not Blacking Out, Just Turning the Lights off, 2011, Videostill, Courtesy the artist & Rodeo, London, Istanbul, Produktion: Chisenhale Gallery, London

Der Brite James Richards erweist sich im Kunstverein München als reflektierter Arrangeur von Film-Collagen

James Richards’ (*1983) Praxis umfasst nicht nur die des Künstlers, sondern auch des Kurators, Sound Designers und Cutters. Als solcher arrangiert er bestehende Filmsequenzen verschiedener Herkunft zu dichten Collagen. Das Material dreht er zum Teil mit der Digitalkamera selbst, zum Teil greift er auf Filme bekannter Autoren zurück sowie auf anonymes Found-Footage, das er online, in Archiven oder auf alten VHS-Kassetten findet. Dieses Speichers bedient er sich, wenn er ein neues Projekt entwickelt. So finden gleiche Sequenzen auch in unterschiedlichen Konstellationen Verwendung, so werden künstlerische Arbeiten in einem fortlaufenden Prozess gedacht und immer wieder entsprechend der jeweiligen Präsentationsform verändert gezeigt. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „The Misty Suite“, das Richards seit 2009 verfolgt und das nun auch im Kunstverein München zu sehen ist. Eine Hantarex-Videowand liefert das Format für einen Neuschnitt des Materials, das er innerhalb der Serie bereits mehrfach gezeigt hat: es sind durch langsame Ein- und Ausblendungen abstrahierte Videoaufnahmen eines Selbstverteidigungskurses.

Richards kontextualisiert seine eigene Arbeit durch von ihm kuratierte Filmprogramme, im Kunstverein unter dem Titel „Mercy Mercy Mercy“, datiert auf 2014 – eine Tatsache, die suggeriert, dass die Zusammenstellung als eigenständiges Werk zu begreifen ist. Den Kern bilden drei Videos des Künstlers Stuart Marshall, dessen Arbeit „The Love Show Part One“ (1980) Richards in kurze Sequenzen und zwischen die anderen Videos des Programms geschnitten hat. Es besteht aus einzelnen Beiträgen von Schauspielern, welche die persönlichen Sichtweisen und Befindlichkeiten einer fiktiven Fernsehshow porträtieren. Andere Videos stammen von Stuart Baker, Julia Heyward oder Stephen Sutcliffe.

Auch für seine neueste Arbeit in der Münchner Ausstellung, „Raking Light“ (2014), kompiliert Richards Found-Footage mit selbst Aufgenommenem und einem eigens erstellten Soundtrack. Die Videofragmente hält ihre Negativbehandlung zusammen, d.h. Schwarzes erscheint weiß, Weißes schwarz. Gefilmt sind die Motive weitgehend in der Natur: Tropfen spiegeln sich auf der Kameralinse, ein Vogelschwarm formiert sich am Himmel in fließenden Formen, Waldabschnitte werden scheinbar von einem Feuerwerk illuminiert oder Wassermassen stürzen ein Gefälle hinab und erzeugen dabei Nebelwolken. Zwischen diese Sequenzen sind Aufnahmen von Bootsladungen von Touris­ten in gelben Regenmänteln gestreut. „Raking Light“ ließe sich im Sinne eines bewegten visuellen Gedichts als Naturlyrismus interpretieren, stark rhythmisiert und Bildmetaphern aufrufend, die zwischen der mystischen Vogelschau am Himmel und dem klassischen Memento Mori-Motiv in Gestalt eines Schädels angelegt sind – letzteres ist eigentlich ein Gesicht, das durch den Negativ-Filter als Totenkopf erscheint.

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James Richards, Raking Light 1, 2014, Videostill, Courtesy the artist, Cabinet Gallery, London & Rodeo, London, Istanbul

Die Rhetorik der Digitalität, die gerne auf Richards’ Werk angewendet wird, hat hier wenig mit technoiden, animierten oder glatten Oberflächen und Formen zu tun. Sie ist für den Künstler viel eher ein Werkzeug. Die schnelle Entwicklung der digitalen Bild- und Tontechnik ermöglicht ihm eine fließende Arbeitsweise, die bis vor kurzem noch aufwendig und kostenintensiv war: Filmen, Schneiden, Postproduktion, Musik, Tongestaltung, das Integrieren von Aufnahmen aus dem Archiv – all das geschieht jetzt auf dem Laptop. Dem fortlaufenden Arbeiten bzw. Überarbeiten und ständigen Verwerfen steht nichts mehr entgegen, was einen eigendynamischen Korpus entstehen lässt. Richards scheint genau diesen zur endlichen, obwohl unendlichen, Form seines Werks zu machen, indem er nicht auf dessen Abgeschlossenheit, sondern ständige Weiterentwicklung, Adaption und Neukontextualisierung setzt. Zugleich, und das mag auch an der Verweisstruktur digitaler „Texte“ liegen, sind die Resultate höchst assoziativ und versperren häufig den Bedeutungszusammenhang der einzelnen, auf subjektiven Auswahlkriterien beruhenden Fragmente.    

 

James Richards.

Kunstverein München

Galeriestr. 4, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 22. März 2015.

 

 




Kunstverein München