16/02/15

Ein Idyll, das es nicht mehr gibt

Ein Ausstellungsprojekt in Friedrichshafen fragt nach dem ökonomischen Nutzen der Kunst

von Florian Weiland

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Alexej Meschtschanow, Bopparder Kanapee, 2005, courtesy Sammlung Halke, Deutschland

Ein Ausstellungsprojekt in Friedrichshafen fragt nach dem ökonomischen Nutzen der Kunst

Der Untertitel der Ausstellung hat es in sich: Es geht um „nutzlose Nutzbarkeiten jenseits von Nutzen“. Oder, anders formuliert, um zeitgenössische Kunst als Erkenntnismedium jenseits der Ökonomie. Man ahnt, es wird komplex. Wie effizient muss, kann oder soll Kunst in einer Zeit sein, da sich alles um Geld und Zahlen, kurz: um den ökonomischen Nutzen einer Sache dreht? Den Auftakt dieser Kooperation zwischen dem Zeppelin Museum und dem Kunstverein Friedrichshafen bildet eine Textarbeit von Barbara Köhler. Die rätselhafte Botschaft über Stille, Lücken und Leerstellen zieht sich über die Wand und leitet in die Ausstellungsräume über. Es folgt eine Installation von Alexej Meschtschanow. Er hat eine Reihe von alten Stühlen in ein Gerüst eingepfercht. Die Stühle sind damit ihrer Funktion enthoben. Auf Meschtschanows „Bopparder Kanapee“ kann man nicht Platz nehmen. Doch dafür rücken die Stühle selbst in den Blick. Man nimmt sie anders wahr und entwickelt ein Gespür für die Unterschiede zwischen ihnen. Allein: Designklassiker sind es beileibe nicht. Eher mindere Flohmarktware.

Die Kunst ist der Gegenpol zu einem immer weiter um sich greifenden Kosten-Nutzen-Denken, lautet die These der Ausstellung. Das zeigt sich auch bei dem majestätischen Foto des winterlichen Matterhorns von Michael Reisch. Wir sehen die pure Natur. Und erst, wenn wir genauer hinschauen, bemerken wir, was fehlt: alle Spuren des Menschen sind getilgt. Keine Skilifte, keine Skifahrer. Auch die Berghütten und das Restaurant fehlen. Die Kommerzialisierung der Berge ist gestoppt. Die Kunst macht‘s möglich. Wir sehen ein Idyll, das es schon lange nicht mehr gibt. Überraschend wird auch ein Landschaftsgemälde des 18. Jahrhunderts in die Ausstellung einbezogen. Ein spannender Gegenpol. Adrian Paci verfolgt den Weg eines Marmorblocks von China nach Paris. Während der langen Schiffspassage arbeiten chinesische Steinmetze aus dem Block eine dorische Säule heraus. Antike Kunst made in China. Willkommen in der globalisierten Kunst Welt! Eine andere Videoarbeit dokumentiert eine Performance von Matthias Wermke und Mischa Leinkauf. Im Zentrum steht eine vollkommen zweckfreie, aber höchst vergnügliche Tätigkeit: das Schaukeln. Die beiden Künstler waren in Berlin unterwegs und schaukeln fröhlich vor einem U-Bahn Schacht, dem Fernsehturm oder der nächtlichen Skyline. Im öffentlichen Stadtraum herrschen strenge Regeln. Das harmlose Vergnügen des Schaukelns ist unerwünscht.

Am Ende des Rundgangs wartet fast schon eine Ausstellung in der Ausstellung. Judith Fegerl ist mit insgesamt drei Arbeiten vertreten. Durch ihre Installationen fließt pure Energie. Doch welchen Nutzen haben sie? Ihre Batterien geben keinen Strom ab und ihre Lampen spenden kein Licht. Dafür jedoch reichlich Wärme. Stellt man sich unter sie, spürt man es. Keine Frage: Bei den winterlichen Temperaturen draußen erfüllt zumindest diese Installation einen Zweck. Sie wärmt den Besucher. Die Ausstellung hinterfragt die Nutzendoktrin mal subtil, mal offensichtlich. Was wird von ihr bleiben, was nach dem Abbau der Kunstwerke Bestand haben? Auf jeden Fall nicht die wunderbare, zwischen Gegenstand und Abstraktion schwankende Wandmalerei von Gregor Gleiwitz. Sie wird nach Ausstellungsende verschwinden, wieder übermalt werden und kann einzig in unserem Bildgedächtnis fortleben. Ein Kunstwerk auf Zeit, von Gleiwitz jedoch mit gleichem Aufwand und Qualität gemalt, als sei es für die Ewigkeit bestimmt. Noch einmal zeigt sich: Kunst lässt sich, zumindest in dieser Ausstellung, nicht mit den Kriterien des ökonomischen Nutzens erfassen. Und das ist gut so.

Non profit. Zeitgenössische Kunst als Erkenntnismedium jenseits der Ökonomie.

Zeppelin Museum

Seestr. 22, Friedrichshafen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 9.00 bis 17.00 Uhr.

Kunstverein Friedrichshafen

Buchhornplatz 6, Friedrichshafen.

Öffnungszeiten: Mittwoch, Donnerstag, Freitag 15.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 8. März 2015.

 




Zeppelin Museum
Kunstverein Friedrichshafen