12/02/15

Scheiße, wer bin ich eigentlich

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt Dieter Roth als Sprachkünstler

von Christian Hillengaß
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Dieter Roth, Gebirgsminen, Lesung in seiner Ausstellung im LOFT München, Juli 1985 (Videostill), 1985/2014, Kunstmuseum Stuttgart, © P.A.P. Kunstagentur

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt Dieter Roth als Sprachkünstler

„Balle balle / Knalle / Wann knalln wir / in der Halle? / Wir ballern / wenn der Knaller kommt / Und knallern / was dem Baller frommt! / Knalle Knalle / Balle / So ballerts / in der Halle.“ In großen Lettern prangt das Sprachspiel an der Glasfassade des Kunstmuseum Stuttgart. Drinnen, in der Halle, beziehungsweise in den drei geräumigen Stockwerken des Kunstkubus, ballert postum der Autor, das Enfant terrible, der Universalkünstler, der getriebene und sich antreibende Mensch Dieter Roth (1930-1998). Museal beruhigt zwar, aber aufgrund eines gelungenen Arrangements von rund 160 Exponaten seiner Kunst immer noch recht lebendig.

Die Konzentration der Schau liegt auf der Sprache. Sie ist die Keim- und Kernzelle von Roths gesamtem künstlerischen Wirken, das sich in konkreter Poesie, sprachlichen Experimenten, Gedichten, Tage- und Künstlerbüchern ausdrückt, dann aber auch in Film, Musik, Performance, Bildern und Objekten seine Formen findet.

„Meine Hauptarbeit ist Bücher schreiben gewesen; nun habe ich Objekte gemacht, damit ich Geld bekomme, denn vom Schreiben konnte ich nicht leben.“ So begründete Roth häufig die Ausweitung seiner Arbeit auf die Bildende Kunst. Wie ernst dies auch immer zu nehmen ist, fest steht, dass die Ergänzung des Wortes um das Bild bereits in seinem Werdegang angelegt ist. Dies zeigt die Stuttgarter Ausstellung gleich zu Anfang, indem sie die Entwürfe des gelernten Reklamegestalters seinen Arbeiten auf dem Feld der konkreten Poesie gegenüberstellt, die zeitgleich Anfang der 1950er Jahre entstanden. Mit den Ansätzen der konkreten Poesie löste sich Roth von der rein semantischen Funktion der Schrift, um die visuelle Ästhetik von Worten und Buchstaben hervorzuheben. Aber auch die lautmalerische Wirkung der Sprache beschäftigt ihn. Zwischen den Entwürfen für Bier- und Käsewerbung und seinen gedruckten Buchstaben- und Wortwerken steht ein Fernseher, in dem eine Lesung Roths aus seinen „Scheisse-Gedichten“ läuft. Roth kostet den Klang von Sätzen und Worten aus und spitzt ihn zu, indem er durch ständige Wiederholungen die Sinnhaftigkeit austreibt und allein den Klang gelten lässt.

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Dieter Roth, Literaturwurst, 1969, Deichtorhallen, Sammlung Falckenberg, Foto: Egbert Haneke, © Dieter Roth Estate/Courtesy Hauser & Wirth

Es ist ein Bloßstellung der Sprache als launisches Medium, die Roth hier betreibt; ein Entlarven als unverlässliches Instrument bei der Ergründung von Dingen und Welt, denn vor allem bei der Frage nach dem „Wer bin ich eigentlich?“, lässt sie ihn immer wieder im Stich. Das mag ein Grund für Roth sein, ihren Rahmen zu sprengen und sich zur künstlerischen Ich-Ergründung diversen anderen Medien zuzuwenden. So zum Beispiel mit der großen Video-Installation „Solo Szenen“ von 1997/98: in 131 festen Kameraperspektiven, verteilt auf ebenso viele Monitore,  beobachtet und zeigt sich der Künstler schonungslos in seinem häuslichen Alltag und nimmt damit Reality-TV-Formate wie „Big Brother“ vorweg, die kurze Zeit später erscheinen. Roth dokumentierte, sammelte und publizierte permanent Privates als Kunst, sei es in Tagebüchern, Polaroidfotos, Postkarten und anderem. Werk und Person sind bei ihm untrennbar. Er produzierte ständig, meist im Duktus des schnell Dahingeworfenen, frei nach seinem Motto: „Quantität statt Qualität“. Auf Facebook-Deutsch würde man das heute „posten“ und „liken“ nennen und in der Tat wirkt Roth damit in vieler Hinsicht wie ein analoger Vorläufer der multimedialen Selbstvergewisserung im Web 2.0. Die Performance des Selbst auf mehreren Kanälen mag Roth in seiner analogen Form bewusster, weil mit einer grundsätzlichen Fragehaltung ausgestattet, betrieben haben. Dennoch sind die Parallelen zur heutigen Selbstbespiegelung im Netz hochinteressant. Vor manch anderem Aspekt, den die Stuttgarter Ausstellung beleuchtet, macht gerade dies den Künstler aktuell und die Ausstellung so sehenswert.

 

Dieter Roth. Balle Balle Knalle

Kunstmuseum Stuttgart

Kleiner Schlossplatz 1, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr.

Bis 12. April 2015.

Katalog Verlag der Buchhandlung Walther König, 2014, 288 S., 29,80 €




Kunstmuseum Stuttgart