23/06/12

Blickfang Handwerk

10.000 Stunden. Handwerk, Meisterschaft und Scheitern in der Kunst im Kunstmuseum Thurgau in Warth.

von Florian Weiland
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10.000 Stunden. Handwerk, Meisterschaft und Scheitern in der Kunst im Kunstmuseum Thurgau in Warth.8923hohenbuechler.jpg

Kunst und Kunsthandwerk, heißt es, seien zwei Felder, die nur wenig miteinander gemein haben. Doch das war nicht immer so. In seinem Buch „Handwerk“ bedauert der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett, dass handwerkliches Können in der Kunst stark an Bedeutung verloren hat. 10.000 Stunden Arbeitszeit – also rund fünf Jahre – sind seiner Meinung nach notwendig, um ein Handwerk richtig zu erlernen. Doch welche junge Künstlerin, welcher Künstler ist heute noch bereit, so viel Zeit allein in die Ausbildung technischer Fertigkeiten zu investieren?

Die Ausstellung, die das Kunstmuseum Thurgau derzeit der aktuellen Bedeutung von „Handwerk, Meisterschaft und Scheitern in der Kunst“ widmet, beginnt mit einem Klischee. Hinter einer Madonnenstatue, die die Fassade des ehemaligen Kartäuserklosters schmückt, hat Marion Strunk (*1949) einen Berg roter Wollknäuel platziert – Zeichen eines typischen weiblichen Handwerks. Ein ironisch gemeinter Auftakt. Und ein Blickfang. Schnell wird deutlich, dass sich zeitgenössische Künstler auf höchst unterschiedliche Art mit dem Thema Handwerk auseinander setzen. Das macht es spannend. Wir finden gestickte und gestrickte Wandbilder, unter anderem von Rosemarie Trockel (*1952), selbst hergestelltes Werkzeug, Scherenschnitte, ausgestopfte Tiere und Wachsbilder. Ein riesiger Roboter von Michael Rea (*1976) verstellt den Weg. Er besteht gänzlich aus Holz und ist gleichermaßen als Prothese und Hommage an den an den Rollstuhl gefesselten Astrophysiker Stephen Hawking gedacht.

Alex van Gelder hat 18 ungewöhnliche Porträts der Künstlerin Louise Bourgeois aufgenommen. Zu sehen sind ausschließlich die Hände der betagten Künstlerin. Sehnig, knorrig und von Altersflecken übersät. Fraglos eine der eindrucksvollsten Arbeiten der Schau. Auf eine andere Weise spektakulär nähert sich Reto Leibundgut (*1966) dem Thema mit einer raumgreifenden Installation aus Holz und zerschnittenen Ledersofas im Gewölbekeller. Vergleichsweise unscheinbar dagegen wirken die Videofilme von Copa & Sordes, die Handwerker wie einen Uhr- und einen Glasmacher bei ihrer Tätigkeit beobachten: Altes Handwerk in Reinform. Bemerkenswert sind die starre Kameraeinstellung und die stilllebenhafte Inszenierung des Settings, die den Videos eine Art barocken Rahmen verleihen. Eine Aufnahme zeigt ein kleines Mädchen, das Nintendo spielt. Welches Handwerk sie wohl ausübt?

10.000 Stunden: Handwerk, Meisterschaft und Scheitern.
Kartause Ittingen

Warth.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 30. September 2012.
Katalog im Verlag für moderne Kunst, Nürnberg, ca. 28 Euro | 41 Franken.
Kunstmuseum Thurgau