20/01/15

„Hello, who are you?“

Die Medienkunst-Pionierin Lynn Hershman Leeson zeigt uns im ZKM, dass die Zukunft immer schon Gegenwart ist

von Carmela Thiele
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Lynn Hershman Leeson, Still aus der Installation Room of one’s one, 1995, © Lynn Hershman Leeson

Die Medienkunst-Pionierin Lynn Hershman Leeson zeigt uns im ZKM, dass die Zukunft immer schon Gegenwart ist

Die Unendlichkeitsmaschine „The Infinity Engine“ ist das Herzstück der Retrospektive von Lynn Hershman Leeson (*1941) im ZKM Karlsruhe. Das real wirkende, aber selbstverständlich fiktive Genlabor packt uns an einer wunden Stelle. Wir erinnern uns: 1996 bewegte Dolly, das geklonte Schaf, die Gemüter. Viele haben das epochale Ereignis vergessen, Lynn Hershman Leeson nicht. Auf die Frage, was nach dem Hype der Social Media und dem Ausverkauf unserer Daten komme, nennt sie die Gentechnologie. Diese Dinge würden unser Leben wirklich verändern.

Die amerikanische Künstlerin reagiert seit fünfzig Jahren wie ein Seismograph auf die Abgründe der technisierten Gesellschaft, aber kaum jemand wollte das sehen oder hören. Eine Frau, noch dazu eine Feministin, die sich mit Neuen Technologien befasst! Dabei sind alle ihre Werke durchdrungen von einer existenziellen Energie, die im Hintergrund immer einen verletzlichen Menschen erahnen lässt. Ihr Fazit: „Ich versuche in der Gegenwart zu leben, weil die meisten Leute in der Vergangenheit leben. Wenn du in der Gegenwart lebst, denken die Leute, du lebst in der Zukunft, weil sie nicht wissen, was in ihrer Zeit passiert“.

Lynn Hershman Leeson ist die wohl einflussreichste Pionierin der Medienkunst, außerdem Filmemacherin, Professorin an unterschiedlichen amerikanischen Universitäten, preisgekrönt in allen Disziplinen, sie lebt in San Francisco und New York. In ihren interaktiven Arbeiten verwendete sie erstmals Laserdisc, Touchscreen, später dann Rechner oder das Internet. Ganz in der Tradition Mary Shelleys, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Longseller „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ publizierte, schuf Hershman Leeson Cyborgs, die in der Lage sind, mit Menschen in Kommunikation zu treten. „Hello, who are you?“, begrüßt uns Agent Ruby jenseits der Monitorscheibe.

Die neuen Technologien hätten noch keine Geschichte gehabt, begründet sie ihre außergewöhnliche Materialwahl. In der Kunstwelt stehe man immer im Wettbewerb mit der Tradition. Das wollte sie umgehen, denn die Tradition war männlich. Schon für ihre „Breathing Machines“ aus den frühen 1960er-Jahren benutzte sie Kassettenrekorder. Daraus schallte das Geräusch ihres eigenen Atems, so dass der Eindruck entstand, die in der Vitrine liegende Gesichtsmaske mit Haarschopf würde wirklich lebendig sein. Damals wurden ihre Arbeiten aus einer Ausstellung entfernt, weil Sound nicht ins Museum gehörte. In Karlsruhe sind diese frühen Arbeiten erstmals zu sehen.

Die Retrospektive funktioniert wie eine Zeitmaschine. Aus dem Schwarz der Wände leuchten ihre eleganten Foto-Montagen, die „Phantom Limbs“, aus den 1960er-Jahren auf. Models, deren Extremitäten durch elektronische Apparate ersetzt sind. Wie in einem verspiegelten Labyrinth tauchen die Ikonen ihres Werks auf. dazu gehört auch das Gesicht des Filmstars Tilda Swinton, die in Hershmans Filmen meist die Hauptrolle spielt. Ein rot-orangenes Outfit hingegen erinnert an Roberta Breitmore, eine Kunstfigur, die Hershman Leeson mit Pass und Girokonto ausstattete und in deren Haut sie fünf Jahre schlüpfte. Roberta sei eine virtuelle Person gewesen, eine Vorläuferin ihrer virtuellen Figuren im Internet, sagt sie und weist auf ihr Spiel mit Identitäten hin. „Haben sie die Puppen mit der Kamera im Auge gesehen: Eine ist wie Roberta gekleidet, trägt eine Brille wie sie. - She is always behind me.“

Kein Zweifel, mit dieser Ausstellung ist es dem ZKM ist gelungen, einen technisch aufwendigen Gerätepark in eine einzigartige Bilderlandschaft zu verwandeln. Ein Eldorado für uns Voyeure, das uns in die Gegenwart katapultiert. Etwa mittels der netzwerkbasierten Installation „Present Tense“, die aktuelle Daten über den Grad der Wasserverschmutzung in Karlsruhe anzeigt und uns gleichzeitig mit netten Unterwasseraufnahmen von schwimmenden Kindern unterhält.

Lynn Hershman Leeson, Civic Radar.

ZKM

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 6. April 2015.

 

 




ZKM