02/01/15

The Fist is still up

In der Ausstellung von Wu Tsang im Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich verschmelzen fiktiver und realer Raum

von Isabel Mehl
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Wu Tsang, A day in the life of bliss, 2014, courtesy the artist, Isabella Bortolozzi, Berlin & Clifton Benevento, New York

In der Ausstellung von Wu Tsang im Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich verschmelzen fiktiver und realer Raum

Von einer Art Turrellschem' Sog wird man in die Ausstellung des in Los Angeles lebenden Künstlers Wu Tsang (*1982) gezogen. Aus einer abgewandt am linken Ende des Migros Museums platzierten Holzbox schimmert blaues Licht. In ihr befindet sich ein Neonleuchtkasten. Die etwas versteckt platzierte Kampfansage „The Fist Is Still Up“ vervielfacht sich durch die Verspiegelung des Innenraumes der Box – Widerstand kann viele Formen annehmen. Die Gestaltung des eisblauen Schriftzugs ist dem Schild der Bar Silver Platter nachempfunden, dem Schauplatz der Videoarbeit „Damelo todo/Odot Olemad“, die vis-à-vis gezeigt wird. Hier erzählt Tsang die Geschichte eines jungen Flüchtlings, der in Los Angeles wie viele andere Einwanderer aus Lateinamerika eine neue, sichere Heimat fand und seine Identität als Transgenderfrau entdeckte. In einer den Nachtclub imitierenden Rauminstallation mit rotem Samt und bodennaher Couch können die Betrachtenden den Film auf sich wirken lassen – allerdings nur über die vier Spiegel, welche die hinter ihnen liegende Projektion zeigen. Durch die so erzeugte Verschmelzung des fiktiven und realen Raumes werden der Voyeurismus filmischer Arbeiten, die sich mit Subkulturen beschäftigen, sowie die Schwierigkeit der Musealisierung ebendieser ins Blickfeld gerückt. Tsang selbst veranstaltete im Silver Platter eine Partyreihe, die namensgebend für seinen Dokumentarfilm „Wildness“ war. Auch in diesem Werk setzte er sich mit dem soziopolitischen Potential der Bar sowie der dortigen Form von Gemeinschaft auseinander. 

In seiner neuesten Arbeit „A day in the life of bliss“, die zwischen Science-Fiction und Musikvideo-Ästhetik changiert, wird der Zuschauer von vier Leinwänden eingekreist, wovon zwei spiegeln, was die anderen zeigen. In der Zwei-Kanal Installation treffen digitale und reale Identitätskonstruktion aufeinander. Für Bliss, dargestellt von der amerikanischen Performance-Künstlerin boychild, beginnt diese als Spiel mit Gleichgesinnten, das schließlich durch die Polizei gewaltvoll beendet wird. Die Notwendigkeit eines sicheren Ortes in beiden Sphären wird formuliert und deren Verletzbarkeit spürbar gemacht – als Bliss schläft springt die Kamera in die Überwachungsperspektive.

tsangday.jpgBei der Arbeit „The Shape of a Right Statement“ stehen hingegen die Zuschauer unter Beobachtung, einen Scheinwerfer im Nacken. Tsang reinszeniert das Videomanifest „In My Language“ der Autistin Amanda Baggs. Die abgehackte Computersprache des dort verwendeten Sprachcomputers nachahmend trägt er den Text beinahe regungslos vor und macht die Universalität ihrer Aussagen deutlich – die Konstruktion der vorherrschenden Welt geht auf Kosten der Komplexität anderer Welten. Die Ausstellung „Not in My Language“ eröffnet einen tatsächlich multiperspektivischen Blick, der nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf ästhetischer Ebene neue Wege aufzeigt.   

 

Wu Tsang

Migros Museum für Gegenwartskunst

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr.

Bis 8. Februar 2015.




MIgros Museum für Gegenwartskunst