31/12/14

Vom Wesen der Zeit

Das Kunstmuseum St. Gallen widmet der in Berlin lebenden Alicja Kwade eine Einzelausstellung

von Florian Weiland

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Alicja Kwade, Nach Osten, 2011, courtesy Alicja Kwade & Johann König, Berlin, Installationsansicht St. Gallen, Foto: Stefan Rohrer

Das Kunstmuseum St. Gallen widmet der in Berlin lebenden Alicja Kwade eine Einzelausstellung

Wie spät ist es? Eine Taschenuhr könnte Auskunft geben, doch sie lässt sich nicht öffnen. Alicja Kwade (*1979) hat sie in Bronze abgegossen. „Der äußere Gegenstand“ heißt das Werk, das in einer Vitrine im Eingangsbereich des Kunstmuseums St. Gallen präsentiert wird und einen Vorgeschmack auf das gibt, was den Betrachter im oberen Stock erwartet. Etwa dies: Fünf Würfel fallen und rollen polternd über die Leinwand. Ein Videoloop, aufgenommen in extremer Zeitlupe. Die gewürfelte Zahl wird nie ermittelt. Die Würfel bleiben immer in Bewegung. Stillstand gibt es nicht. Ein Verweis auf die kontinuierlich fließende Zeit?

Alicja Kwade fragt im Kunstmuseum St. Gallen nach dem Wesen der Zeit. Als Ausgang dienen ihr ganz alltägliche Gegenstände. Wenn man so will Ready Mades, die neu arrangiert, hinterfragt und mit Bedeutung aufgeladen werden. Spielerisch stellt Kwade unsere Wahrnehmung in Frage. Was zählt, ist der Augenblick. Der Titel ihrer Einzelschau „Warten auf Gegenwart“ verweist darauf. Alicja Kwade spielt mit Zeit und Raum. Wie erleben wir Gegenwärtigkeit, Veränderung oder den Verlauf der Zeit?

Den größten ästhetischen Reiz übt zweifellos die Licht- und Toninstallation aus, die im Oberlichtsaal zu sehen ist. Ein riesiges Pendel schwingt durch den Raum und macht die Erdrotation anschaulich. Dank einer Glühbirne wirft das Pendel faszinierende Silhouetten an die Wand. Unser eigener Schatten wächst und schrumpft. Das Mikrophon, das an dem Pendel befestigt ist, verursacht einen donnerähnlichen Ton, der durch das ganze Haus hallt. In einem der nächsten Räume schmückt ein Fries von unzähligen Armbanduhrzeigern die Wände. Sie beschreiben den Zeitverlauf von exakt 51 Tagen und 19 Stunden. Es ist eine eigentümliche Art, einen Raum zu vermessen. Nicht minder merkwürdig ist dies: Die Veränderung der Marktpreise von Gold, Aluminium, Zinn, Kupfer und anderer Edel- und Industriemetalle illustriert eine Reihe von übereinander gestapelten Metallplatten. Eine Zeitspanne von neun Monaten wird auf diese Weise veranschaulicht. „Der Tag ohne Gestern“ führt uns dagegen zum Anfang der Zeit. Ein riesiger Grammophon­trichter liegt auf dem Boden des Ausstellungsraumes. Ein leises Ticken ist zu hören. Es stammt von einer mechanischen Uhr, die am Ende des Trichters angebracht ist. Zeit ist hier nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar.

Alicja Kwade, Warten auf Gegenwart

Kunstmuseum St. Gallen

Museumstr. 32, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 15. Februar 2015.




Kunstmuseum St. Gallen