30/12/14

Im Labyrinth der Grisaillen

In der Kunsthalle Zürich befreit die amerikanische Künstlerin Avery Singer die Malerei von ihrem Staub

von Isabel Mehl
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Avery Singer, The Studio Visit, 2013, courtesy the artist and Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin, Foto: © Roman März

In der Kunsthalle Zürich befreit die amerikanische Künstlerin Avery Singer die Malerei von ihrem Staub

Die New Yorker Künstlerin Avery Singer (*1987) gräbt sich durch die Kunstgeschichte – Dada, Happenings und der Konstruktivismus – und hält den Besucherinnen und Besuchern der Kunsthalle Zürich ein graues Kabinett an Rätselgemälden entgegen. Doch ihrem Namen, der an den Woody Allen-Charakter Alvy Singer erinnert, macht sie alle Ehre: sie amüsiert sich über männliche Selbstbefriedigung in der Kunst (prominent Vito Acconcis Performance „Seedbed“, 1972) und Literatur, parodiert den Dualismus von weiblich versus männlich und wenn man sich durch das Labyrinth ihrer Airbrush-Landschaften hindurch dekonstruiert hat, tritt einem die zeitgenössische Heidi entgegen mit Schnuller in der Schnute. Eine überaus energetische Parodie irgendwo zwischen Heimatgefühl, der Loveparade und Lolita-Maskerade.

Die Titel ihrer Bilder legen Fährten aus und reflektieren die Doppelbewegung zwischen Entschlüsselung und Konstruktion des Gesehenen: „Sad Woman Projection Libidinal Thoughts“ (2014), „European Ego Ideal“ (2014) oder „Heidiland“ (2014). Und auch die Institutionskritik kommt nicht zu kurz: Die Arbeit „Director“ (2014) zeigt einen Flötenspieler, der an den Rattenfänger von Hameln erinnert und etwas verloren zu versuchen scheint, die abwesenden Massen zu betören.

Singer befreit die Kunstgeschichte von ihrem Staub. Das Grau ihrer Bilder schließt an die Tradition der Grisaille-Malerei an und ist doch nur Tarnung ihrer zeitgenössischen Reflexion über den Stand der Malerei. Form und Inhalt befinden sich im ständigen Dialog. Malerei ist ein kulturelles Medium, das Geschichte lesbar macht und dabei Projektionsfläche zweier Zeitebenen ist. Mal zitiert Singer das filmische Close-Up, die Sequenz, dann die Denkbewegung im Comic-Strip oder die Lupe als Stilmittel. Der an Videoinstallationen erinnernde Aufbau – die oft um die drei Meter großen Gemälde sind über Stahlstangen an Boden und Decke befestigt – verweist auf die Arbeitsweise Singers. Sie arbeitet mit dem Grafikprogramm SketchUp, das für 3D-Modelle in der Architektur verwendet wird und projiziert die so entstehenden Anordnungen auf die Leinwand. Ihre kantigen Bilder entstehen mit Hilfe von Klebeband und in einem oft mehrwöchigen Prozess. Diese bilden keine perspektivisch korrekten Gebilde ab und halten sich nicht an die Regeln von Licht- und Schattenspiel. Realistisch, was soll das sein – es entstehen fiktive Räume, Möglichkeitskonstellationen und Versuchsanordnungen. Schatten von über die Bilder gelegten Zahlenmeeren im Bauhaus-Stil hinterfragen die Grenzen der Ratio, der Verstand scheint außer Kontrolle geraten. Die uns täglich überströmenden Bilderfluten wirken auf unser Welt-Bild ein, diese Tatsache rückt Singer eindrücklich in den Fokus. Wahrnehmung als durch die Augen hindurchgehende Fiktion.       

Avery Singer, Pictures punish words

Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 25. Januar 2015.

 




Kunsthalle Zürich