29/12/14

Verschüttete Erinnerungen

Miriam Cahn stellt anlässlich des Oberheinischen Kunstpreises in der Städtischen Galerie Offenburg aus

von Dietrich Roeschmann
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Miriam Cahn, Boxen, 2014

Miriam Cahn stellt anlässlich des Oberheinischen Kunstpreises in der Städtischen Galerie Offenburg aus

Es läuft derzeit gut für Miriam Cahn. Nach ihrer viel beachteten Retrospektive, die 2012 im Badischen Kunst­verein Karlsruhe zu sehen war, wurde die 1949 geborene Malerin im vergangenen Jahr mit dem Basler Kunstpreis ausgezeichnet. Adam Szymczyk, damals noch Direktor der Kunsthalle Basel und mittlerweile Leiter der documenta 14, hielt die Laudatio auf die Künstlerin, die 1982 bereits an der documenta vertreten war. Nachdem Cahn kürzlich dann auch noch den Oberrheinischen Kunstpreis erhielt, sind ihre Arbeiten nun in einer konzentrierten Soloschau in der Städtischen Galerie Offenburg zu sehen.

Es ist ein passendes Ambiente für die Arbeiten der 65-Jährigen. Der ehemalige Kasernenbau mit seiner strengen Architektur, der die Logik von Drill, Unterwerfung und Kontrolle geradezu prototypisch eingeschrieben ist, bietet einen idealen Resonanzraum für das tiefe Unbehagen, das von Cahns Bildern und Zeichnungen ausgeht. Allen Räumen hat die Malerin jeweils eigene Titel gegeben, die aus unterschiedlicher Perspektive die Aufmerksamkeit auf ein Material lenken, das für Cahns Arbeit zentral ist: Staub – und zwar in doppelter Hinsicht. Unter Staub sind Dinge begraben, die lange nicht mehr angerührt wurden. Verschüttete Erinnerungen an Krieg und Gewalt, heimliche Ängste, subjektive oder kollektive Traumata. Cahn umkreist sie in Bildern, die ihrerseits aus nichts als Staub zu bestehen scheinen – aus Pigment oder Kohle, Pastell oder Graphit. In zeichnerischer Virtuosität, gepaart mit einer Kraft, in der die Bewegungen des zeichnenden Körpers spürbar werden, lässt Cahn diesen Staub Gestalt annehmen auf wandfüllenden Papierbahnen, über die sich düstere Lagerarchitekturen ausbreiten, oder auf kleineren Formaten, verdunkelt von schwarzen Himmeln, vor denen einsame Figuren panisch aus dem Bildraum fliehen und von dichten Schraffuren, die sich wie Schleier um kahl geschorene Köpfe legen. Die trockenen Oberflächen dieser Blätter wirken so zart und flüchtig, dass man meint, ein Windhauch könnte die Motive im nächsten Moment vom Papier fegen. Was bliebe, wäre der dunkle Schatten, der sich als Spur der Angst durch Cahns gesamtes Werk zieht.

Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wo Cahn Farbe ins Spiel bringt. Im einem der Räume hat sie dafür Versatzstücke ihres Bildprogramms in 50 Farbkopien an die Wand geheftet: Atompilze, Haustiere, Waffenfabriken, überschminkte TV-Stars. Auf den Leinwänden entwickelt sie daraus halluzinierende Erinnerungsbilder aus einem nicht enden wollenden Alptraum, bevölkert von derangierten Körpern mit hohl­äugigen Gesichtern, die von innen heraus zu glühen scheinen. Es ist ein unwirkliches, giftiges Leuchten, mit dem sich Cahns Bilder ins Gedächtnis einbrennen und dort das Verdrängte wie unter Röntgenstrahlen sichtbar machen. Ab Ende Januar sind ihre subtilen Horrorgemälde auch in einer Werk­schau in Aarau zu sehen.      

 

Miriam Cahn

Städtische Galerie Offenburg

Amand-Goegg-Str. 2, Offenburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 13.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 13.00 bis 20.00 UHr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 18. Januar 2015.

Katalog im modo Verlag, Freiburg 2014, 260 S., 34 Euro | 42 Franken.

 

Aargauer Kunsthaus

Aargauer Platz, Aarau.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

24. Januar bis 12. April 2015.




Aargauer Kunsthau
Städitsche Galerie Offenburg