21/12/14

Zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit

Für Mathilde ter Heijne ist Geschichte wandelbar, zu sehen in ihrer Ausstellung im Freiburger Museum für Neue Kunst

von Dietrich Roeschmann
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Mathilde ter Heijne, Experimental Archeology, 2014, Museum für Neue Kunst, Freiburg, Foto: Marc Doradzillo

Für Mathilde ter Heijne ist Geschichte wandelbar, zu sehen in ihrer Ausstellung im Freiburger Museum für Neue Kunst

Seit gut einem Jahrzehnt gehört der Postkartenständer zum festen Inventar der Ausstellungen von Mathilde ter Heijne. Das ist auch in ihrer aktuellen Schau im Freiburger Museum für Neue Kunst nicht anders. Rund 700 Motive hat die niederländische Künstlerin (*1969) hier in Wandhalter sortiert, aus der sich die Besucher bedienen dürfen. Die Karten zeigen anonyme Frauenporträts aus der Frühzeit der Fotografie bis 1920: Reiche Damen der High Society, junge Frauen in Sonntagskleidern, Angehörige indigener Völker. Kurze Texte auf der Rückseite erzählen dazu jeweils die Lebensgeschichte einer weiteren Frau aus der gleichen Epoche. Es sind ungewöhnliche Biografien von Suffragetten, Widerstandskämpferinnen oder Forscherinnen, die offensichtlich nicht zu den Fotografien passen, aber gerade dadurch den Blick für die weißen Flecken in der Überlieferung weiblicher Schicksale schärfen. „Women to go“ hat ter Heijne ihr seit 2003 wachsendes Text- und Bildarchiv betitelt. Der Name ist Programm, denn ihre eigentliche Wirkung entfaltet die Arbeit erst außerhalb des Museums. Indem das Publikum die Karten mitnimmt, finden die vergessenen Biografien und anonymen Blicke zurück in die Welt und werden so verfügbar für eine Geschichtsschreibung, die nicht einem festgefügten Weltbild folgt. „Geschichte ist immer eine kollektive Erzählung“, sagt ter Heijne. „Das macht sie grundsätzlich verhandelbar – und damit veränderbar.“

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Mathilde ter Heijne, Woman to go, 2005 - ongoing, Foto: Robert Wedemeyer

Auf diesem Gedanken basiert auch die jüngste Rauminstallation ihres 2006 begonnenen Projektes „Experimental Archeology“. Ausgangspunkt sind eine Reihe winziger, prähistorischer Figuren aus der Sammlung des Archäologischen Museums Freiburg, die ter Heijne in kleinen Plastikkästchen auf spiegelblanken Regalen arrangiert hat. Teils bis zu 40 000 Jahre alt, zeigen sie rudimentäre, meist zweigeschlechtliche Darstellungen des menschlichen Körpers. Nach Vorlage dieser Artefakte fertigte die Künstlerin riesige, aus Ton gebrannte Kopien an, die nun in gepolsterten Transportkisten oder psychedelisch beleuchteten Glasvitrinen ruhen, unter Wärmelampen auf Ständersystemen balancieren oder im Ausstellungsraum hängen wie monströse Fetische eines exotischen Körperkultes. Dass diese prallen, eindeutig sexuell aufgeladenen Objekte bei Vollmond entstanden, begleitet von diversen archaischen Ritualen und mit dem uralten Wissen zweier Schwarzwälder Erdbrennmeister, mag im ersten Moment ein wenig befremden, gehört aber zentral zum Konzept dieser Arbeit. Es geht ter Heijne hier um die Annäherung an ein verschüttetes, radikal anderes Weltbild, das den Dualismus von Mann und Frau ebenso wenig kannte wie eine Hierarchie zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit.   

Mathilde ter Heijne

Museum für Neue Kunst

Marienstr. 10a, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 22. Februar 2015.

 




Museum für Neue Kunst