20/12/14

Klang-Körper

Anri Sala hat für das Haus der Kunst München die Klang- und Videoinstallation "The Present Moment" verwirklicht

von Roberta De Righi
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Anri Sala, The Present Moment, 2014, Filmstill (Detail), courtesy of Galerie Chantal Crousel, Marian Goodman and Hauser & Wirth, © Anri Sala

Anri Sala hat für das Haus der Kunst München die Klang- und Videoinstallation "The Present Moment" verwirklicht

Musik ist Körperarbeit: Finger zappeln, Oberarme vibrieren und der Rücken bebt, damit der Klang in die Welt kommt. Das zeigt der albanische Videokünstler Anri Sala (*1974), indem er sechs Streicher des Münchner Kammerorchesters in Großaufnahme dabei filmte, wie sie Arnold Schönbergs Gedichtvertonung „Verklärte Nacht“ von 1899 spielen. Seine unprätentiösen Bilder sind Teil der Mehrkanal-Klang- und-Video-Installation „The Present Moment“, die jetzt in der „Ehrenhalle“ im Haus der Kunst in München zu erleben ist. Zum dritten Mal ermöglichen die „Freunde Haus der Kunst“ im Rahmen der Reihe „Der Öffentlichkeit“ ein raumgreifendes, diesmal immaterielles Kunstwerk.

Der international gefragte Anri Sala, der in Paris und Berlin lebt, sorgte zuletzt mit seiner Ravel-Hommage im Gebäude des deutschen Pavillons auf der Venedig-Biennale 2013 für Furore; jener Ausgabe der Schau, bei der die Länderpavillons vertauscht wurden, so dass der deutsche Pavillon von Frankreich bespielt wurde. In München konterkariert er die monumentale NS-Architektur der einstigen Ehrenhalle nun mit der Kammermusik eines jüdischen Musik-Revolutionärs, der vor den Nazis fliehen musste. Derart Offensichtliches bei der Pressekonferenz zu zerreden, ist nicht Sache des Künstlers. Lieber erklärt er seine Zweifel an der Sprache als verlässliches Ausdrucksmittel, und auch der Macht der Bilder scheint er längst zu misstrauen. Musik hingegen sei „pränarrativ“ und wirke rein emotional. Wie neue Studien zudem ergeben hätten, mache das Hören von Musik, rein neurophysiologisch, im Gehirn am besten die kurze Zeitspanne der Gegenwart erfahrbar.

Schon Schönbergs „Opus 4“ birgt einen Gegensatz in sich: Programmmusik gibt es eher selten im Kammermusik-Format. Und ein intimes Streicher-Sextett in einem derart laut dröhnenden Pathos-Raum zum Klingen zu bringen, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber genau das ist es, was Anri Sala herausfordert: Mit Hilfe seines Sound-Designers Olivier Goinard – und 19 Lautsprechern – lässt er Schönbergs spätromantische Komposition in d-Moll in erstaunlicher Klarheit aufleuchten. Aus den Boxen erklingt zunächst die Original-Musik, ehe sie in eine von Sala und Goinard bearbeitete Passage übergeht: Sie heben die neun Tonhöhen heraus, lassen sie weiterklingen und durch die düstere Halle wandern. Ein Glücksfall für den Hörer, der getragen von der in diesem Kontext umso eindringlicheren Musik in höhere Sphären abhebt. Erst die Schwerarbeit der Musiker vor der Kamera holt ihn zurück auf den blutroten Marmorboden der Wirklichkeit.     

Anri Sala, The Present Moment

Haus der Kunst München

Prinzregentenstr. 1, München.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.

Bis 20. September 2015.

 




Haus der Kunst München