18/12/14

Kunst der Metropolen

Für die Affichisten war die Straße Rhythmus und Bewegung, eine Ausstellung im Basler Tinguely Museum zeigt jetzt ihre Kunst

von Annette Hoffmann

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Jacques Villeglé, L’Anonyme du dripping, 1967, © 2014 ProLitteris, Zürich, Stedelijk Museum, Gent

Für die Affichisten war die Straße Rhythmus und Bewegung, eine Ausstellung im Basler Tinguely Museum zeigt jetzt ihre Kunst

Leicht gefärbte Teigwaren waren nichts für Künstler wie Raymond Hains, Jacques Villeglé, Wolf Vostell, François Dufrêne und Mimmo Rotella. Während Franz Hessel im Berlin der Zwischenkriegszeit seine feinsinnigen, immer dezent ironischen Beobachtungen über die aufstrebende Metropole machte, drängte es die Affichisten zur Tat. Ihre Vorbilder waren weniger die immer ein wenig distanzierten Flaneure als Dadaismus, Surrealismus und die experimentellen Filme eines Hans Richters. Für diese lose miteinander verbundene Künstlergruppe war die Stadt Rhythmus und Bewegung, ihre Kunst beruhte auf Sprache, Schrift und Zeichen.

Das Basler Museum Tinguely widmet den Affichis­ten, deren produktive Zeit zwischen 1946 und 1968 lag, nun eine Schau, welche die Décollagen in den Kontext ihres erweiterten Kunstbegriffes stellt. Man experimentierte mit visueller Wahrnehmung – Hains etwa entwickelte eine Brille mit geriffelten Gläsern – und einer Form von Literatur, die vom Lettrismus beeinflusst war. Parallel zu den Plakatabrissen entstanden Fotogramme, Performances, Filme und phonetische Gedichte. Ihr Name jedoch leitet sich von „affiche“, dem französischen Wort für Plakat ab, das die Künstler ab- und einrissen, um mehr oder weniger zufällige Konstellationen aus den aufeinander gekleisterten Schichten zu Tage zu fördern. Es ist immer ein bisschen merkwürdig, derartige Straßenkunst im Museum ausgestellt zu sehen. Doch manche dieser Plakatabrisse wirken malerisch, nicht zuletzt dann, wenn das Papier Spuren der Verwitterung aufweist.

Andere wie etwa Wolf Vostells Arbeit von 1961 „Ihr Kandidat“ geben sich tagespolitisch. Ein Foto vom Brandenburger Tor mit der Warnung „Achtung! Sie verlassen jetzt West Berlin“ ist ebenso zu erkennen wie der Kopf eines CDU-Politikers. Im Sinne der Pop-Art, der man in Basel einen eigenen Raum widmet, ist die grafische Machart dieses Materials zu erkennen, es zeigt sich aber auch, dass die Künstler der Kriegsgeneration angehören. Ihre Plakatabrissen spiegeln eine Stadt wider, die vom Krieg zerstört wurde. Im gleichen Jahr forderte Vostell in Köln Passanten auf, die Texte auf den zerrissenen Plakaten laut und wiederholt zu lesen, Ruinen und Trümmerlöcher der Stadt wurden wie selbstverständlich zu Bühnen dieses „Theaters auf der Straße“. Es ist eine Laut- und Bildsprache, die nach Simultaneität strebt, die über die Zeile hinausdrängt und den Blick keiner Hierarchie unterwerfen will. Der Glaube an Autoritäten hatte Zerstörung gebracht, nun wurde die Geste der Zerstörung in ein autonomes Werk umgemünzt. 

Poesie der Großstadt: Die Affichisten

Museum Tinguely

Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 11. Januar 2015.

 




Museum Tinguely