19/12/14

Die Korsette der Gegenwart

In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden ist die Einzelausstellung "Experimente für sieben Körperteile" zu sehen

von Chris Gerbing
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Eva Kot'átková, Asylum, 2013, Installationsansicht Der Enzyklopädische Palast, 55. Venedig Biennale, courtesy die Künstlerin, Hunt Kastner, Meyer Riegger, © Eva Kot'átková

In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden ist die Einzelausstellung Eva Kot’átkovás "Experimente für sieben Körperteile" zu sehen

Seitdem in den 60er Jahren das Happening den Alltag eroberte und die Kunst seitdem als flüchtiges Medium auftritt, ist nichts mehr so, wie es einmal war: Da kann Udo Kittelmann 2003 neben weiteren 80 Akteuren Superman ins Museum für Moderne Kunst in Frankfurt holen, das ZKM in Karlsruhe 2012 die Geschichte der Performance in zehn Akten in Form von Re-Enactments der Kunst-Aktionen wieder aufleben lassen oder aktuell Johan Holten in Baden-Baden der tschechischen Künstlerin Eva Kot’átková (*1982) eine Plattform bieten für ihre „Architectures of Sleep“. Dafür setzt sie „Living Sculptures“ – Menschen aus Fleisch und Blut – ein, die jeden Sonntagnachmittag ihre merkwürdigen, zwischen Fischreuse und Klettergerüst anzusiedelnden Stahlkonstruktionen besetzen. In ungemütlich wirkenden, unkomfortablen Positionen zwängen sich ihre Protagonisten – mal ein älterer Herr, mal ein junges Mädchen – in diese Gestelle, hängen dort mit geschlossenen Augen, für ungewisse Zeit in scheinbarer Ruheposition verharrend, um dann wieder eine womöglich noch unbequemere Position einzunehmen. Was früher das Korsett war, ist heute der Body Mass Index, Big Data und andere Normungen, denen wir uns und unseren Körper mehr oder weniger freiwillig unterwerfen, so die grundlegende Aussage Kot’átkovás.

Die Brüche in ihrem Werk sind gerade im großen Oberlichtsaal der Kunsthalle Baden-Baden fast körperlich nachvollziehbar. Insbesondere, wenn sie mit einer Mischung aus Streckbank und Fitness-Gerät auf die Qualen und Strapazen aufmerksam macht, denen unser Körper ausgesetzt ist. Oder bei den in Vitrinen liegenden und auf ihnen positionierten, fast wie zum direkten Gebrauch bereitgestellten Gerätschaften, die eine Assoziation auf jene Instrumente zur Vermessung des Körpers erlauben, deren Ergebnisse in die Rassenlehre der Nationalsozialisten einflossen. Beklemmung und Befremden rufen Kot’átkovás Maschinerien hervor, mit denen sie ihre titelgebenden „Experimente für sieben Körperteile“ durchführt. Eine gewisse Parallelität zu den Sinnen ist offenkundig, denn die Künstlerin stellt persiflierte Versuchsanordnungen zum Sehen, Hören, Tasten und dem Gleichgewicht auf, die zum Nachdenken über unsere Organe, deren Funktion und die dadurch mögliche Kommunikationsleistung einladen.

Apropos Kommunikation: Dass diese gelegentlich mit Hürden behaftet ist, wusste bereits Demosthenes, der sein Stottern mit Kieselstein-Übungen überwinden wollte. Daran erinnert auch die Sprechmaschine, aus der Steine auf den Boden gekullert sind, große Brocken liegen daneben, natürlich viel zu groß fürs Verwenden als Artikulationshilfe. Aber wie der Wille Berge versetzt, so ist die Sprache sein Hilfsmittel, denn mit ihr überzeugen wir, treten Diskussionen los oder plappern auch nur wie der Papagei, den Kot’átková lustvoll, wie andere Motive auch, aus Büchern geschnitten hat. „Das macht man nicht!“, will man ihr unbewusst zurufen. Aber steckt man Gedanken in einen Käfig? Den Körper in Maschinerien, um ihn nach den eigenen oder gesellschaftlich vorgegebenen Vorstellungen zu formen? Es sind zumeist an medizinische Geräte erinnernde Objekte, die Kot’átková dem Betrachter präsentiert. Sie haben einen eher provisorischen Charakter, erinnern oft an Laboraufbauten, darunter auch die großformatige Tischinstallation „Asylum“, mit der sie 2013 auf der Biennale in Venedig teilgenommen hat. Dass bei einer Ausstellung, die sich bereits im Titel dem Experiment verschrieben hat, der Katalog ebenfalls als solches daherkommt, versteht sich fast schon von selbst. In einem Schuber finden sich, darin ein wenig an Marcel Duchamps „Museum in a Box“ erinnernd, auf Pappkarten Abbildungen der Kunstwerke, zum Experimentieren bereit, wie es scheint.             

 

Eva Kot’átková: Experiment für sieben Körperteile.

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr. Sonntags finden zwischen 14.00 und 17.00 Uhr Performances statt.

Bis 1. März 2015.

Künstlerbuch zur Ausstellung: Kerber Verlag 2014, ca. 30 S., 20 Euro.

Eva Kot’átková, The Theatre of Speaking Objects, Verlag Kettler,

Dortmund 2014, 208 S., 32 Euro | ca. 42.90 Franken.




Staatliche Kunsthalle Baden-Baden