18/12/14

Himmel und Körper

Der Württembergische Kunstverein zeigt in Stuttgart die queeren Bildwelten des südamerikanischen Künstlers Sergio Zevallos

von Valérie Hasenmayer
Thumbnail

zevallosrosa.jpg

Sergio Zevallos, aus der Serie Rosa, 1982, courtesy Sergio Zevallos

Der Württembergische Kunstverein zeigt in Stuttgart die queeren Bildwelten des südamerikanischen Künstlers Sergio Zevallos

Fließende Kohlezeichnungen, perfekt arrangierte Bildkompositionen und ebensolche Farbkonzepte, Bilderreihen, die absurde Geschichten erzählen und doch eine ganz klare Sprache sprechen: Auf den ersten Blick beeindruckt Sergio Zevallos (*1962) vor allem durch seinen souveränen Umgang mit künstlerischen Strategien und Techniken, die vielschichtiger nicht sein könnten. Und wenn man sich den Fotografien, Zeichnungen und Kreidemalereien des in Lima und Berlin lebenden Künstlers nähert, machen sie einen auch auf anderer Ebene staunen: Großformatige Gemälde, die zunächst wie Kirchenfenster wirken, offenbaren traumartige Gebilde aus fratzenhaften Gesichtern und Totenköpfen, verwoben mit triefenden Geschlechtsorganen, geifernden Pierrots und religiösen Motiven. Dazu gesellen sich fickende Ikonen und aufgespießte Babypuppen, transsexuelle Huren mit Dornenkronen, verstümmelte Körper und graphisch anmutende Kompositionen, die sich bei genauerem Hinsehen als weit geöffnete Vaginen erweisen. Verstörende Opfer- und Begräbnisrituale.

zevallosmaririos.jpg

Sergio Zevallos, Selbstporträt als Mater Dolorosa, aus der Serie Martirios/Suburbios, 1983, courtesy Sergio Zevallos

Sergio Zevallos Werk ist geprägt von Sexualität, Tod und Gewalt und bleibt dabei keineswegs nur das, was es zu sein scheint, sondern wird in seiner Gesamtheit unfassbar feinsinnig, klar und symbolträchtig.  Was schnell in den Mittelpunkt rückt und auch der wunderbar kuratierten Ausstellung im Württembergischen Kunstverein „Ein umherschweifender Körper“ eine Richtung gibt, sind die Bildnisse der Heiligen Rosa von Lima. Schon das unverfälschte Bildnis der ersten Märtyrerin Amerikas kann umgeben von Zevallos‘ Kunst als Provokation gesehen werden: Was in anderem Umfeld als klassisch keusches, engelhaft kitschiges Sammelbildchen wahrgenommen würde, wirkt hier bereits absurd unwirklich und künstlich. Und wird schließlich durch die Übermalung des Künstlers mit Teufelsfratzen, Jesus-Darstellungen, Penissen, Hintern und Brüsten zu einer noch tiefer greifenden Künstlichkeit überführt.

Für Gläubige ist das alles nichts, zugegeben. Der Vorwurf der Blasphemie und Pornographie sollte dennoch nicht aufkommen. Auch ohne zu wissen, aus welchem Umfeld, aus welcher Zeit und Gesellschaft diese Kunst stammt, wird schnell klar: In den Ikonen und Kompositionen steckt mehr als nur künstlerische Ästhetik und Provokation. Gesellschaftliche Kritik, ein seltsam oberflächlicher Glauben gepaart mit unterdrückter Sexualität, die teils zur entgrenzten Religion, teils zur groben Ware wird, sowie ein sinnloser Faschismus und Militarismus werden hier thematisiert und angeprangert – Inhalte, die kontroverser nicht sein könnten. Und doch wird alles klug miteinander verknüpft, kann ineinander überfließen, sich auf seltsam homogene Art und Weise verbinden. So zumindest setzt Sergio Zevallos all seine Themen in Beziehung, flicht sie zu wunderbar harmonischen Gebilden und Bildern.

Entstanden sind diese Werke im Rahmen der selbstredend umstrittenen Künstlergruppe Chaclacayo, die zwischen 1982 und 1994 in Südamerika gewirkt hat. Tatsächlich greifen sie die Umstände ihrer Zeit und Gesellschaft auf und werden auch in der Zevallos‘ Arbeitsweise sichtbar, collagiert er doch Teile aus damaligen Zeitungsartikeln, Heiligenbildern, Büchern und Zeitschriften. Und doch bleiben sie zeitlos und können noch heute gelten. Und was neben diesem bunten, beinahe grenzenlosen Bilderreigen ohnehin im Gedächtnis bleibt, sind auch die Titel der Werke, die eine weitere Ebene der Poetik offenbaren und schlussendlich mitunter perfekt und auf sehr reine Art beschreiben, was der Künstler zu verbinden und gleichzeitig aufzulösen versucht: „Weil Dein Körper der eben geborene Himmel ist“. 

 

Sergio Zevallos: Ein umherschweifender Körper.

Württembergischer Kunstverein

Schlossplatz 2, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr. Bis 11. Januar 2015.




Württembergischer Kunstverein