17/12/14

Dialektik der Aufklärung

Die Kunst Halle Sankt Gallen bringt mit einer Ausstellung Licht ins "Darknet" und zeigt zugleich seine Faszination auf

von Annette Hoffmann
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Simon Denny, The Personal Effects of Kim Dotcom, 2013/201; Seth Price, How to disappear in America, 2014, Courtesy: Simon Denny: der Künstler; Galerie Buchholz Berlin/Köln; Seth Price: der Künstler, Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Gunnar Meier

Die Kunst Halle Sankt Gallen bringt mit einer Ausstellung Licht ins "Darknet" und zeigt zugleich seine Faszination auf

Die Schattenwirtschaft floriert. Eine mechanisch klingende weibliche Stimme aus dem „Torland“ zählt die Käufe auf: Ecstasy-Pillen, ein fire brigade master key set (ein Bund Universalschlüssel), Zigaretten aus Moldawien (99 Prozent Schmuggelrate) und gefälschte Designertaschen mitsamt entsprechendem Kaufstatus und den Preisen in Bitcoins. Es klingt ziemlich illegal, was die !Mediengruppe Bitnik (Carmen Weisskopf, *1976, und Domagoj Smol­jo, *1979) mit Hilfe eines automatisch agierenden Computerprogrammes der Kunst Halle Sankt Gallen in den Briefkasten legt. Ihre Arbeit „Random Dark­net Shopper“ kauft auf dem Darknet-Marktplatz Agora wahllos Dinge ein. Selbst Schweizer Gratiszeitungen wurden so auf die Ausstellung „The Darknet – From Memes to Onionland. An Exploration“ aufmerksam. Alles rechtlich abgesichert, konnte Direktor Giovanni Carmine abwinken.

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!Mediengruppe Bitnik, Random Darknet Shopper, 2014, (Detail), Courtesy: die Künstler, Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Gunnar Meier

Die Kunst Halle Sankt Gallen versteht sich in der Rolle des kritischen Zeitgenossen, der Einblick gibt in jenes Netz hinter dem Netz, das durch herkömmliche Browser und Suchmaschinen nicht zu erreichen ist. Bis zum Ende der Ausstellung werden sich also die an der Wand hängenden Boxen füllen, die auf der einen Seite den Mailverkehr mit den Anbietern dokumentieren und auf der anderen Seite das reale Objekt mitsamt Camouflage-Verpackung zeigen. „Random Darknet Shopper“ bedient einerseits die Faszination des Betrachters für das Heimliche, andererseits wird hier etwas sichtbar, was den meisten vermutlich ansonsten verborgen geblieben wäre.

Erst jüngst ist das Netzwerk Tor (The Onion Routing) zur Anonymisierung des Mailverkehrs in die Schlagzeilen geraten, weil voraussichtlich Ermittler in Europa und den USA die Verschlüsselung von einigen Betreibern illegaler Angebote decodiert haben. Die St. Gallener Ausstellung selbst macht hingegen einen nur wenig klandestinen Eindruck und bietet viel Anschauung. Sie setzt bei der alltäglichen Erfahrung an; so hat Aram Bartholl (*1972) in seiner Arbeit „Forgot your password?“ 2013 all jene Passwörter in Büchern gesammelt, die russische Hacker stahlen und im Darknet veröffentlichten – es sind 6,5 Millionen von meist eher naiv zu nennenden Sicherheitslevel. Valentina Tanni (*1976) hat für „The Great Wall of Memes“ zwischen 2012 und 2014 unzählige Fotos zusammengetragen, mit denen jetzt eine frei stehende Wand im ersten Raum der Ausstellung tapeziert ist. Der Humor dieser manipulierten Bilder ist robust. Hot Dogs mit gestreifter Soße, eine Flasche Coke Zero Adolf oder ein Topf, in dem Arme vor sich hin köcheln, sind dort zu finden.

Man kann sich über die merkwürdige Ästhetik wundern, die hier zutage tritt. Vieles wirkt wie eine Verbindung von Verschwörungstheorien, Popkultur und glaubwürdigen politischen Anliegen. Robert Sakrowskis (*1966) Installation „Anonymous: A Shared Identity in The Era of a Global Networked Society“ gibt in Youtube-Manier einen Einblick in die Anonymous-Bewegung. Es ist ein ziemlicher Overload an Videoclips, Musik und raunenden Stimmen, der hier auf einen eindringt. Dass man sich in einer zweiten Variante autonom durch das Menü klicken und so Sequenzen etwa über den Saatmonopolist Monsanto öffnen kann, ist ein Fall für die Suggestion. Der freie Fluss von Informationen, den die Aktivisten fordern, überschwemmt einen schlicht. Simon Denny (*1982) hingegen hat die 110 bedruckten Leinwände seiner Arbeit „The Personal Effects of Kim Dotcom“ von 2013/14 als eine Art Quartettspiel konzipiert. Die Autos, Kunstwerke, Bankkonten, die das FBI 2012 bei der Razzia auf dem neuseeländischen Anwesen von Kim Schmitz beschlagnahmte, werden mit einem Foto vorgestellt und kurz porträtiert. Kim Schmitz ist Gründer von Megaupload und wurde wegen Verletzung von Urheberrechten angeklagt. Dennys Leinwände entlarven die Großmannssucht der New Economy, aber auch den Willen des Staates nach Kontrolle, seine Grenzüberschreitungen und zugleich seine Ohnmacht.          

The Darknet: From Memes to Onionland. An Exploration.

Kunst Halle Sankt Gallen

Davidstr. 40, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 11. Januar 2015.